Motorradtour zum Nordkap


Freitag, 05.06.2009; Und wenn Du glaubst, es geht nicht mehr..

So schlecht wie diese Nacht habe ich wohl selten geschlafen. Ständig war ich wach, und wälzte mich hin und her. Als ich gegen sechs Uhr dann aufstehe und nach drauβen blicke, glaube ich meinen Augen nicht zu trauen: Es schneit! Wir haben Anfang Juni, und es schneit in Kiruna! Auch Markus und Johannes machen groβe Augen. Wir frühstücken ziemlich schweigsam, jeder hängt seinen Gedanken nach. Dann beladen wir die Maschinen. Zum Glück geht der Schnee nun langsam in Regen über. Es folgt das übliche morgendliche anschieben von Markus' Motorrad, das sich heute Morgen allerdings besonders wehrt. Dann fahren wir zum Bahnhof, um uns nach einem Autoreisezug zu erkundigen. Allerdings macht das dortigen Büro erst um zehn Uhr auf. Daher fahren wir direkt zum Yamaha Händler, und stehen pünktlich um neun beim ihm vor der Tür. Ich möchte die Ersatzteile möglichst früh bestellen, vielleicht kommen sie dann ja auch etwas schneller. Man klammert sich halt an jeden Strohhalm.

Es hat mittlerweile aufgehört zu regnen, und Markus beginnt, sein Motorrad auseinander zu nehmen, um den Startschwierigkeiten auf den Grund zu gehen. Während Johannes bei ihm bleibt, betrete ich die Werkstatt und gehe zum Infotresen. Allerdings komme ich nur so ungefähr fünf Schritte weit, dann glaube ich meinen Augen nicht zu trauen. Ich mache auf dem Absatz kehrt, stürze nach drauβen, und rufe meinen beiden Partner zu: „Da steht genau so ein Moped wie meines zum verkaufen drin“. Dann stürme ich wieder in den Laden, und schaue mir die dort stehende Tenere genauer an: Sie sieht wirklich genau wie meine aus: Die gleiche Lackierung, es ist auch das gleiche Baujahr, nur eine höhere Scheibe hat sie. Und vor allem: Ein nagelneues Kettenkit ist dran. Ich schnappe mir einer der Monteure, ziehe ihn zum Motorrad und sage ihm, dass mein Motorrad gleich gebracht wird, und ich genau so ein Kit brauche. Er sagt, er hat es nicht da, muss es bestellen, was drei bis vier Werktage dauert. Johannes, der mittlerweile zu uns gestoβen ist, spricht gelassen aus, was auch mir auf der Zunge liegt: „Können wir nicht dieses haben?“ „Kein Problem“ antwortet der Monteur, und dann zu mir gewandt: „Wann kommt deine Maschine?“. „Gegen halb zehn“ erwidere ich. „Dann bauen wir dies hier schon mal aus“ sagt der gute Mann, und schiebt das Motorrad nach hinten in die Werkstatt. Ich kann es kaum glauben, folge ihm, und springe dabei herum, wie Rumpelstilzchen einst um das Feuer. In die Werkstatt darf ich dann nicht mit hinein. Freundlich, aber bestimmt gibt der Mechaniker mir zu verstehen, dass ich vorne bleiben muss. Er zeigt mir noch einen Getränkeautomat, an dem ich mich bedienen kann, dann schlieβt sich die Werkstatttür vor meiner Nase. Immer noch aufgeregt, hüpfe ich noch eine ganze Zeit durch den Laden, bis Markus mir von drauβen zuruft: „Dein Moped kommt“. Ich laufe hinaus, und tatsächlich: Gerade fährt der Pick-Up mit meiner Tenere auf den Hof. Sofort laden wir die Maschine ab, und rollen sie nach hinten zur Werkstatt. Dort haben sie schon alles bereit liegen. Markus hat mittlerweile seine Maschine gescheckt, und herausgefunden, dass nicht der Anlasser kaputt ist. So diskutieren wir, vor dem Getränkeautomat sitzend, noch ein wenig hin und her, bis plötzlich eine Stimme ruft: „Your bike is ready!“. Ich blicke durch das Fenster nach drauβen, und sehe einen Mechaniker, der meine Tenere aus der Werkstatt nach vorne schiebt. Sofort laufe ich nach drauβen, sitze auf, starte und drehe eine Runde um den Block. Ohne Jacke, ohne Helm, es ist eisig kalt, aber egal, es ist ein unbeschreibliches Gefühl, wieder auf dem Bock zu sitzen. Mit einem breiten Grinsen im Gesicht fahre ich zurück zur Werkstatt. Was für ein Glück!!! Die schlechte Laune, die dunklen Gedanken, alles ist wie weggewischt. Ich bezahle den Yamaha-Händler, und bedanke mich mindestens hundert Mal bei dem Pick-Up Fahrer, der mal eben meine Maschine die 120 KM hergebracht hat (natürlich habe ich ihm angemessen Benzingeld gegeben). Dann sind wir abfahrbereit. Ein kurzer Blick auf die Karte: Der Weg ist jetzt einfach: Immer die 45 Richtung Süden, unser nächstes Ziel ist Jokkmokk am Polarkreis. Um 10:15 Uhr geht es endlich los, wir rollen vom Hof der Yamaha Werkstatt. Es stört mich nicht im geringsten, das es wieder anfängt zu schneien. Laut trällere ich in meinen Helm eine leichte Abwandlung eines bekannten Schlagers: „I'm singing in the snow“. Allerdings mache ich das nicht lange: Mit Karacho rausche ich voller übermut in ein riesiges Schlagloch, alles wackelt und vibriert, und ich nehme erschrocken die Hand vom Gas. Aber es ist nichts passiert, und ich mahne mich selber an, mich mehr zu konzentrieren.

So fahren wir Richtung Süden. Zunächst auf der E10, dann wechseln wir hinter Muorjevaara auf die 45. Den nächsten Stopp machen wir in Jokkmokk, einer Stadt am Polarkreis. Dort halten wir an einem Supermarkt, um ein paar Kleinigkeiten einzukaufen. Es ist mittlerweile trocken, aber immer noch stark bewölkt, und vor allem richtig kalt. Trotzdem laufen die Jokkmokker herum, als wenn es dreiβig Grad oder wärmer wäre: Kurze Hosen, kurze Röcke, T-Shirts und Badelatschen, das ist das Outfit der Menschen hier. Wir werden argwöhnisch betrachtet, als wir in unseren dicken Motorradklamotten durch den Laden laufen. Uns kümmert das nicht. Wir verdrücken noch einen Hotdog, wechseln Geld, winken zum Abschied freundlich in die Runde, und verlassen dann die Stadt Richtung Süden.

Kilometer um Kilometer fahren wir, und da wir in der letzten Nacht alle sehr schlecht geschlafen haben, wollen wir heute früh ins Bett. Und so beginnen wir schon gegen 15:00 Uhr damit, nach einer Hütte Ausschau zu halten. Aber es ist wie verhext: Es scheinen kaum Hütten vermietet zu werden in dieser Gegend, und wenn mal etwas ausgeschildert ist, so hat es noch zu. Langsam beginnen wir uns Sorgen zu machen. Irgendetwas muss es doch geben hier oben. Endlich finden wir einen offenen Platz.





Die Frau an der Rezeption aber dämpft sofort unsere Freude. Keine Dusche, kein warmes Wasser, Toilette und Waschgelegenheit (mit kaltem Wasser) befindet sich im Haupthaus, ungefähr 100 Meter von unserer Hütte entfernt. Aber was sollen wir machen? 350,- schwedische Kronen knöpft sie uns noch ab, dann machen wir es uns in einer ziemlich kleinen Bruchbude bequem. Markus packt den Einmal-grill aus, in Jokkmokk hatten wir Fleisch und Dosenbier ge-kauft, das Wetter ist trocken und nicht allzu kalt. Wir grillen vor der Hütte, machen das beste aus dem Abend, und drehen nach dem Essen noch eine Runde über den Platz.





Natürlich gibt es auch hier einen See, und mittlerweile sind auch noch andere Gäste eingetroffen: Ein Pärchen in einem Auto mit französischen Kennzeichen, das sich zwei Hütten weiter einquartiert hat. Und ein Wohnmobil, das an einer der Stromstation geparkt hat. Alles bleibt ruhig, und gegen zehn Uhr liegen wir auch schon in den Betten.




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