Ein Wochenende in Leer/Ostfriesland


Sonntag

Alles hoffen hat nicht geholfen: Es regnet wieder. Und der Blick nach draußen verspricht auch keine kurzfristige Wetteränderung. Trotzdem wollen wir an unserem Plan festhalten und an einer Stadtführung teilnehmen. Auch mit dem Regenschirm in der Hand kann die ja interessant sein.

Nach dem Frühstück machen wir uns daher auf den Weg in die Altstadt. Denn die Führung beginnt nicht nur in dem dort liegenden Rathaus, sie beinhaltet auch einen Rundgang durch dieses bekannteste Bauwerk der Stadt.




-> Das Rathaus von Leer


Und so stehen wir kurz darauf in der kleinen Eingangshalle. Hier ist es warm und trocken. Außer uns haben sich noch drei weitere „mutige“ eingefunden. Es stellt sich heraus, dass sie sogar aus Leer selbst kommen und einfach ein wenig mehr über ihre Heimatstadt erfahren möchten. Unsere Stadtführerin, Frau Anne Kaja, sorgt gleich zu Beginn des Rundgangs für eine Überraschung. Denn das Rathaus von Leer ist gar nicht so alt, wie ich dachte. „Erst“ im Jahr 1894 wurde es erbaut. Das hat damit zu tun, dass Leer die Stadtrechte erst kurz zuvor verliehen bekam. Bis dahin hatten sich die Einwohner von Leer vehement gegen dieses Recht gewehrt. Denn eine Stadt braucht ja (unter anderem) ein Rathaus, und das kostet Geld. Und dieses Geld mussten, damals wie heute, die Bürger aufbringen. Wir folgen unserer Reiseleiterin weiter in das Gebäude hinein und bestaunen die aufwendigen und prächtigen Decken- und Wandmalereien, die es in den langen, fast schon hallenartige Fluren zu bewundern gibt. Wir folgen Frau Kaja nach oben, besichtigen unter anderem das Trauzimmer und den Festsaal und lauschen ihren Ausführungen.




-> Blick zur Decke im Rathaus: Aufwendige Malereien




-> Bild im Treppenhaus des Rathauses:
Graf Edzard blickt auf den Marktplatz. Er hat Leer im Jahr 1508 das Marktrecht verliehen.





-> Der Festsaal im Rathaus


Ich habe den Eindruck, dass unsere Reiseleiterin aufgrund des immer noch andauernden Regens den Aufenthalt hier im Rathaus ein wenig ausdehnt. Fast eine Stunde lang besichtigen wir die verschiedenen Räume, laufen durch Flure, treppauf und treppab, bis wir schließlich wieder in der kleinen Eingangshalle direkt am Eingang stehen. Nun geht es nach draußen. Zunächst brauchen dabei nur wenige Schritte zu laufen, denn quasi vis-à-vis des Rathauses steht die „Waage“.




-> Die "Waage" von aussen




-> Eingangstür der "Waage" mit den beiden Waagschalen oberhalb des Eingangs


Das ist ein im Jahre 1714 erbautes Gebäude Von außen sieht es recht unscheinbar aus, war aber von großer Bedeutung. Denn Leer hatte ein Markt- und somit auch ein Wiegerecht. Und das lag in der Hand der protestantischen Gemeinde. Anfang geschah dieses wiegen mit Waagebalken, Schalen und Gewichten noch im Turm der reformierten Kirche. Mitte des 16. Jahrhunderts wurde die „Waage“ dann hier an dieser Stelle in einem Holzgebäude untergebracht, bevor dieses wegen Baufälligkeit durch das heute noch stehende Steinhaus ersetzt wurde. Hier wurden die gehandelten Waren gewogen und die Bürger mussten darauf dann eine Art Umsatzsteuer bezahlen. Eine ergiebig sprudelnde Einnahmequelle für die Kirche, die erst versiegte, als das Königreich Hannover im Jahr 1865 das Wiegemonopol der Kirche aufhob und an die Stadt übergab.

1921 erwarb der Verein für Heimatschutz und Heimatgeschichte die Waage, in dessen Besitz sie sich bis dato befindet. Heute ist ein Restaurant in dem Gebäude untergebracht. Kurz überlegen wir, ob wir diesem nicht einen Besuch abstatten sollen. Aber zum einen hält sich unser Hunger noch in Grenzen, zum anderen geht ja unserer Rundgang noch ein wenig weiter. Unsere Stadtführerin geht mit uns am Rathaus vorbei durch die Rathausstraße bis zum Haus Samson. Auch hier erzählt sie ein wenig, aber da wir das schon kennen, höre ich nur halbherzig zu. Erst als sie davon erzählt, das von den ehemals fünf ostfriesischen Seefahrtschulen nur die in Leer überlebt hat, bin ich wieder aufmerksam. Und erfahre dabei auch, dass die Stadt nach Hamburg als zweitgrößter deutscher Reederei-Standort gilt.
Wow, dass hatte ich wirklich nicht erwartet.

Leider wird der Regen nicht weniger. Im Gegenteil, ich habe den Eindruck, dass gerade eine besonders ergiebige Wolke ihre Tropfen über uns ergießt. So sind wir nicht böse, als nach rund 90 Minuten diese Stadtführung beendet ist. Ich denke, wenn ich noch einmal nach Leer komme, würde ich wieder eine machen. Allerdings nur, wenn das Wetter besser ist :o)

Kurz überlegen wir, was wir nun unternehmen wollen und entschließen uns dann zum Besuch des Heimatsmuseums.




-> Das Heimatsmuseums sieht von aussen recht unscheinbar aus


Von außen ist das ein unscheinbares Gebäude, innen jedoch entpuppt es sich als riesengroß. Auf insgesamt fünf Etagen werden hier Ausstellungsstücke insbesondere über die Geschichte Leer und die ostfriesische Wohnkultur gezeigt. Mein Favorit ist das erste Obergeschoss. Zum einen, weil hier ein Laden für "Colonialwaren & Schiffs-Victualien" aus dem 18. Jahrhundert rekonstruiert wurde. Zum anderen ist hier der Bug und das Heck von „Gretje“ zu bewundern und zwar in Originalgröße. „Gretje“ ist das letze der hölzernen, ostfriesischen Tjalks. Ein Tjalk ist laut Wikipedia „ein historischer holländischer Segelschifftyp für das Wattenmeer, ein Wattensegler. Ihren Ursprung hatten Tjalken im ebenfalls holländischen Bojer. Erstmals tauchte die Bezeichnung „tjalk“ 1673 in einem friesischen Dokument auf.“
Wer mehr dazu wissen möchte, kann sich hier schlau machen.




-> Übersicht über die Abteilungen im Heimatmuseum




-> „Gretje“, das letze ostfriesische Tjalks




-> Bett mit "Heizung" und guten Wünschen




-> Detail im nachgebildeten Kolonialwarenladen


Für mich ist dieser Tjalk neben dem Kolonialwarenladen der optische Höhepunkt des Museums. Obwohl es auch sonst viel zu sehen gibt: Bodenfunde aus den unterschiedlichsten Besiedlungsphasen Leers, außerdem Modelle, Fotografien und Objekte über die die Entwicklung der Stadt seit dem Mittelalter, dazu Radierungen, Zeichnungen, Gold- und Silberschmuckstücke und noch so einige mehr. Hier könnte man glatt einen ganzen Tag verbringen.

Aber das machen wir nicht. Schließlich ist schon früher Nachmittag. Stattdessen beschließen wir, zum Abschluss unseres Besuches in Leer noch in eine ostfriesische Teestube einzukehren. Unweit von Rathaus und Waage finden wir eine und lassen bei einer guten Tasse Tee das Wochenende hier in der Stadt noch einmal Revue passieren. Das Wetter hat nicht so wirklich mitgespielt, aber wir denken, dass wir das Beste daraus gemacht haben.

Und wer weiß: Vielleicht kommen wir bei Sonnenschein ja mal wieder…


Leer


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