Pilgerweg „Schola Dei“


Samstag

Ein wenig bin ich zugegebenermaßen schon gespannt: Zum ersten Mal werde ich pilgern. Natürlich ist das hier nicht der Jakobsweg, aber warum nicht klein anfangen? Früh am Morgen ist es jedoch zunächst mein Blick, der wandert, nämlich aus dem Fenster. Der schlechten Wettervorhersage zum Trotz ist es zwar grau, aber trocken, und ich werte das mal als gutes Zeichen. Und gut, sogar richtig gut, ist das Frühstück, das uns unsere Vermieterin auftischt. Wer hier nicht satt wird, der ist es selber schuld.

Nach dem Frühstück, es ist fast neun Uhr, laufen wir los. Der Himmel ist noch immer grau und es weht ein starker Wind, aber es ist trocken. Unser erstes Ziel ist wieder das Zisterzienserkloster, das wir gestern ja schon ausgiebig erkundet hatten. Dort ist der Start der Tour. Gut gelaunt wandern wir also zunächst durch den Ort, dann durch einen Wald, bis wir wieder vor dem imposanten Gebilde stehen.







Der Himmel ist immer noch ein wenig zugezogen, aber nach Dauerregen sieht das wirklich nicht aus. Im Gegenteil, ich habe sogar den Eindruck, dass es etwas heller und freundlicher geworden ist. Wir folgen dem offiziellen Weg, der durch ein Logo gekennzeichnet ist, dass ein Weihekreuz auf einen Stein verwendet.





Nachdem wir das Kloster Ihlow hinter uns gelassen haben, wandern wir zunächst ein ganzes Stück an der Straße entlang. Nur ein knapper Meter Wiese trennt uns von der Landstraße, auf der die Autos mit hoher Geschwindigkeit an uns vorbei brausen. „Schön ist anders“ denke ich bei mir, denn ich hatte mir so einen Pilgerweg doch viel beschaulicher vorgestellt. Vor allem leiser, denn die vielen Autos machen doch gehörigen Lärm. Dafür sind alle Menschen, denn wir begegnen, sehr freundlich. Egal, ob uns ein Fußgänger oder Fahrradfahrer entgegen kommt, oder jemand in seinem Vorgarten steht, alle grüße, rufen „Moin“, lächeln uns freundlich zu. Das entschädigt ein wenig für die Wanderung direkt an der Straße entlang.

Eine knappe halbe Stunde wandern wir so, und laufen dabei zwischen „Ludwigsdorf“ und „Plaggefeld hindurch, bis nach „Mümkeweg“. Dort biegt der Weg dann nach rechts ab, und verlässt endlich die Straße. Nun führt er über Felder und Wiesen.





Hier gibt es viele große Flächen, auf denen Mais und Gras angebaut wird. Das wird dann als Futter für die Milchkühe verwendet. Wir laufen durch einen Ort namens „Fahne“. Direkt dahin überqueren wir den „Ems-Jade-Kanal“, an dem sich auch das örtliche Standesamt befindet.







Auf der anderen Seite des Kanals befindet sich dann auch schon „Westerende-Kirchloog“. Die dortige Kirche mit ihrem einzeln stehenden Glockenturm ist nach dem Ihlower Kloster die erste Station auf unserem Pilgerweg. Wir freuen uns schon auf das innere dieses imposanten Gemäuers, und ich ziehe mein Pilgerbuch heraus, das ich tags zuvor in der Klostergaststätte in Ihlow gekauft habe. Darin sind alle Stationen des Weges beschrieben, und Bibeltexte, Gedanken und Geschichten abgedruckt. Und natürlich auch kurze Gebete.





Vor der Kirchentür werden wir von einem geschäftigen Herrn ganz in schwarz angesprochen: „Seid Ihr Pilger?“ fragt er uns freundlich, und wir nicken, und erzählen ihm, dass wir an diesem Morgen in Ihlow gestartet sind, und nun unsere erste Station erreicht haben. Leider entpuppt sich der freundliche Mann als Bestattungsunternehmer, und erklärt uns, dass in der Kirche gleich eine Beerdigung stattfinden wird. Oh, das war wohl nichts mit Rast und Besinnung an dieser Station…

Aber da kann man nichts machen. Nur kurz sehen wir uns in der Kirche um. Der Mann vom Bestattungsinstitut weist uns noch auf eine zugemauerte Tür hin. Dort war früher der Eingang, und von außen ist auch heute noch eine Stück Eisen zu sehen, dass fest in der Wand verankert ist. Früher wurden dort Diebe „an den Pranger“ gestellt. So konnten alle Kirchgänger den Verurteilten ins Auge gucken. Manche wurde auch bespuckt. Nach ein paar Tagen Pranger wurden die Verurteilten dann freigelassen, aber jeder im Ort hat gesehen, dass sie schuldig waren.







Als die ersten Trauernden eintreffen, ziehen wir uns diskret zurück. Durch den Ort folgen wir dem Weg bis hin zum „Ring-Kanal“. Dieser ist 13 Km lang und wurde Ende des 19. Jahrhunderts gebaut, um das Wasser der umliegenden Moore in den Ems-Jade-Kanal zu leiten, der nach fünfjähriger Bauzeit zeitgleich fertig gestellt wurde. Die Sonne kommt jetzt zwischen den Wolken durch, und versetzt uns in eine Art Hochstimmung. So, genau so, macht das Pilgern Spaß.











Wir wandern eine Zeitlang am Kanal entlang, genießen das schöne Wetter, die Ruhe und die Aussichten rechts und links des Weges. Ich könnte noch lange so weiterlaufen, aber schließlich trifft der Kanal auf eine Brücke, und hier ist auch der dritte Punkt auf unserem Pilgerweg, gekennzeichnet durch eine Bank.





Hier kann sich der Wanderer ausruhen, und von diesem Angebot machen wir dankend Gebrauch. Nicht weil wir so erschöpft sind. Vielmehr lesen wir die Gedanken und Sätze, die in unserem Pilgerheft stehen. Die drehen sich um den Bau der verschiedenen Kanäle hier in der Gegend, also auch um „Ring-Kanal“, an dem wir gerades sitzen. Lange ruhen wir hier nicht, sondern gehen recht bald weiter. Leider führt der Weg ab hier wieder an einer Straße entlang. Der Wind weht immer noch recht kräftig, und wir setzen Fuß vor Fuß, froh, dass hier nicht allzu viel Autoverkehr herrscht. Irgendwann macht der Weg eine scharfe Abbiegung nach rechts, und laut Karte befinden wir uns hier an der vierten Station auf dem Weg, der Wegegabelung Wiegboldsbur. Allerdings finden wir hier keinerlei Hinweis darauf, noch nicht einmal das Logo des Pilgerwegs. Unser Pilgerheft erzählt hier an diesem Punkt die Geschichte von Leibeigenen, die ihren Herren in den vergangenen Jahrhunderten dienen mussten. Nur kurz lasse ich meine Gedanken in die Vergangenheit reisen, denn wir bleiben hier und heute nicht allzu lange stehen, sondern wandern weiter der Karte nach, bis wir schließlich den Ort „Wiegboldsbur“ selbst erreichen, einer der ältesten Gemeinden Ostfrieslands. Mittlerweile ist die Sonne wieder verschwunden, hat der starke Wind das Blau des Himmels durch viele Wolken ersetzt. Hier im Ort soll es laut Karte ein Cafe geben, das wir auch finden, welches aber leider geschlossen ist. Dafür finden wir eine historische Windmühle aus dem Jahr 1822, an der wir zwar keinen Kaffee und Kuchen bekommen, die dafür aber ein schönes Fotomotiv darstellt.







Anschließend gehen wir weiter durch den Ort bis zur Wibadi-Kirche. Sie ist die fünfte Station auf unserem Pilgerweg. Auch hier wurde, wie schon in „Westerende-Kirchloog„, der Glockenturm nicht direkt an der Kirche gebaut, sondern steht etwas abseits für sich allein. Anscheinend ist das hier in Ostfriesland keine Seltenheit.







Wir umrunden zunächst das Gebäude, bevor wir das innere des Gotteshauses betreten. Dort ist es sehr still, ganz so, als ob sich ein weißes Laken, mit denen man die Möbel einer verlasseneren Wohnung abdeckt, über uns gelegt hätte. Wir bewundern insbesondere das Taufbecke, genießen aber auf die die Ruhe, die von diesem Raum ausgeht.







Draußen setzen wir uns dann auf eine der vielen Bänke, und machen eine kleine Pause. Wir plündern unsere Rücksäcke, essen und trinken, und dabei lese ich wieder in meinem Pilgerheft. Eine kleine Geschichte steht dort, die ich hier mal wiedergeben möchte:


Warum der Schäfer jedes Wetter liebt
(Anthony de Mollo)

Ein Wanderer: „Wie wird das Wetter heute?“
Der Schäfer: „So, wie ich es gerne habe.“
„Woher wisst ihr, dass das Wetter so sein wird, wie ihr es liebt?“
„Ich habe die Erfahrung gemacht, mein Freund, dass ich nicht immer das bekommen kann, was ich gerne möchte. Also habe ich gelernt, immer das zu mögen, was ich bekomme. Deshalb bin ich ganz sicher: Das Wetter wird heute so, wie ich es mag.“



Also, was das Wetter angeht, so kann ich dieser Einstellung durchaus folgen. Aber als grundsätzlicher Leitsatz für das Leben taugt diese kleine Geschichte meiner Meinung nach nicht. Einfach alles hinnehmen, was einem vorgesetzt wird? Kritiklos alles über sich ergehen lassen? Nein, das kann ich nicht gutheißen. Lieber aktiv sein und dem Leben eine selbstgewählte Richtung geben. Möglichkeiten dazu haben wir, also sollten wir die auch nutzen.

Nach dieser Pause machen wir uns wieder auf dem Weg, werfen dabei allerdings keinen genauen Blick auf die Karte. Und so wandern wir weiter an der Straße entlang, bis wir einen Ort namens „Bedekaspel“ erreichen, und dort endlich merken, dass wir vom Weg abgekommen sind. Mittlerweile haben auch die Wolken am Himmel zugenommen – gibt es etwas Regen? Wir nutzen diesen Umstand jedenfalls für eine weitere Pause. Bedekaspel liegt direkt am „Großem Meer“, daher finden wir hier auch ein Cafe, das geöffnet hat. Wir bekommen einen Cappuccino mit Marzipangeschmack, und sind uns einig, dass uns der nicht besonders schmeckt. Trotzdem war die Entscheidung zur Pause richtig, denn während wir innen sitzen, regnet es draußen. Nicht viel und auch nicht stark, aber es ist doch schöner, im trockenen zu sitzen, als durch den Regen zu laufen.

Zum Glück dauert der Regen nicht allzu lang, und so wandern wir bald darauf zurück nach Wiegoldsbur, und nehmen dort hinter der Kirche den richtigen Weg. Dieser ist schnurgerade und asphaltiert, aber Autos fahren hier zumindest heute nicht. Dafür wird der Himmel immer dunkler, und wir schauen mehr nach oben, als das wir auf die Landschaft achten, durch die wir wandern. Schade, denn eigentlich ist es hier recht schön.









Der Wind treibt nun dunklen Regenwolken wie trockenes Herbstlaub vor sich her, schichtet sie auf, und lässt den Himmel immer bedrohlicher aussehen. Mittlerweile sind wir überzeugt, dass gleich ein mächtiger Guss herunter kommen wird, aber es ist weit und breit nichts, wo wir uns unterstellen könnten. Also gehen wir weiter, machen Schritt für Schritt, setzen einen Fuß vor dem anderen, immer mit der vollkommen unbegründeten Hoffnung, doch verschont zu bleiben. Und dann ist er plötzlich da, der Regen. Der starke Wind lässt ihn von allen Seiten auf uns nieder prasseln. Innerhalb von wenigen Sekunden steht das Wasser auf den Wegen, kann gar nicht so schnell abfließen, wie es von oben wieder nachkommt. Ich bin froh, den Fotoapparat in einer Plastiktüte verstaut zu haben. So ist er geschützt gegen den Regen, und auch wenn es mir in den Finger juckt, ein Foto von diesem Unwetter zu machen, lasse ich die Kamera doch lieber trocken und geschützt in ihrer Tüte.

Wir haben zwar wasserabweisende Kleidung an, aber bei diesem Regen nutzt die auf Dauer nicht viel. Daher sind wir schon ziemlich durchnässt, als wir schließlich Georgsheil erreichen. Wir haben die Hoffnung, hier ein offenes Lokal zu finden, aber leider alles ist geschlossen. Wir flüchten uns zum Busbahnhof, müssen aber feststellen, dass der nächste Bus erst in zwei Stunden fahren wird. Der Regen ist zwar mittlerweile in ein feines Nieseln übergegangen, aber nass, wie wir sind, wollen wir nicht mehr weiter laufen. Und wofür hat man eigentlich ein Smartphone? Wir suchen im Internet nach einem Taxiunternehmen hier in der Nähe, und bestellen uns ein Taxi. Das bringt uns zu unserer Unterkunft nach Ihlow, wo wir duschen und uns trockenen Sachen anziehen. Mittlerweile ist es später Nachmittag, und wir fahren mit unserem Auto nach Aurich, um im dortigen Mexikanischen Restaurant den Tag zu beschließen. Beim Essen überlegen wir auch, ob wir Morgen die Wanderung in Georgsheil wieder aufnehmen sollen. Aber das werden wir vom Wetter abhängig machen.

Gegen 23:00 schließlich sind wir wieder in Ihlow in unserer Unterkunft. Ein wenig traurig bin ich schon, dass wir den Weg heute nicht wie geplant bis Marienhafe laufen konnten. So haben wir einige Stationen auf dem Pilgerweg verpasst: Die Brücke am Abelitz-Moordorf-Kanal; das Ehemaliges KZ in der Nähe der Kirche Engerhafe; sowie die Wilden Äcker mit dem Gedenkstein zur Schlacht Anno 1427. Und natürlich Marienhafe selbst, mit seinem bekannten und weithin sichtbaren Störtebeker-Turm. Daher hoffe ich, dass wir morgen die Pilgertour in Georgsheil wieder aufnehmen können.



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