Pilgerweg „Schola Dei“


Sonntag

Der Himmel ist grau, die Sicht diesig, und sehr schnell verwerfen wir den Gedanken, die Tour von gestern fortzuführen. Zumal in der Beschreibung steht, dass der für heute geplante Streckenabschnitt noch mehr direkt an Straßen entlang führt. Also beratschlagen wir beim Frühstück, was wir stattdessen unternehmen wollen. Und beschließen, nach Norden zu fahren, also in die Stadt, die sowohl zum schlendern einlädt, als auch jede Menge Möglichkeiten zur Besichtigung bietet, falls das Wetter mal wieder Regen für uns bereit hält. Nach dem Frühstück packen wir unsere Sachen, verstauen alles im Auto, verabschieden uns von unserer Vermieterin, und starten dann in den heutigen Tag.

Norden ist leicht zu finden, da gut ausgeschildert, und auch vor Ort haben wir Glück bei der Parkplatzsuche: Direkt vor dem Marktplatz finden wir die letzte freie Lücke, die wir natürlich gerne nutzen. Beim Aussteigen bemerken wir, dass hier heute ein Trödelmarkt stattfindet. Wir blicken zum Himmel hinauf: Bleibt es wohl trocken? Der Wind spielt zwar Billard mit den Wolken, aber nach Regen sieht es nun nicht gerade aus. Also schlendern wir zunächst einmal über den Platz, und schauen uns an, was die Ostfriesen so zu verkaufen haben. Hier gibt es wirklich nur Trödel. Neue Ware, wie ich das von heimischen Märkten her kenne, sehe ich überhaupt nicht. Aber gerade das gefällt mir gut, und auch die Preise scheinen mir moderat. Nur genau das, was mich interessiert, übersteigt mit schöner Regelmäßigkeit dem, was ich zu bezahlen bereit bin. So kaufe ich mir nur zwei kleine Figuren, aber auch erst langen Zögern und noch längerem Verhandeln.

Als nächstes besuchen wir die direkt hier am Platz gelegene Ludgerikirche. Sie ist auch das Ziel des Pilgerweges Schola Dei. Wären wir also die ganze Strecke gelaufen, so hätten wir auch dann zum Abschluss diese Kirche besichtigen. Sie ist die größte mittelalterlich Kirche Ostfriesland, und dem heiligen Ludgeri geweiht, dem Apostel der Friesen und ersten Bischof von Münster. Ihr heutiges Aussehen hat sie in mehreren Bauabschnitten erlangt.





Besonders imposant sind der dreischiffige Hochchor mit seinem Chorumgang, sowie die Arp-Schnitger-Orgel, die größte und bedeutendste Orgel Ostfrieslands. Beides bildet sozusagen die Höhepunkte dieses Bauwerkes, das wirklich sehenswert ist. Wir jedenfalls können empirisch bezeugen, dass es eine wirklich schöne Kirche ist … :-)









Raus aus der Kirche, und hinein in das Teemuseum. Das ist nur einen Steinwurf entfernt, und zeigt auf drei Etagen viele Exponate aus mehr als tausend jahren Teegeschichte. Dort nehmen wir einer äußerst interessanten Führung teil. Nicht nur über Tee wird hier erzählt, auch die Geschichte des Porzellans wird uns so ganz nebenbei näher gebracht, und zusätzlich auch die Entstehung von so manchem auch heute noch gängigen Sprichwortes. Eine kurzweilig und gut vorgetragene Führung, die ich mit bestem Gewissen weiterempfehlen kann.









Von Norden aus fahren wir dann noch einmal nach Ihlow zum Kloster. Das Wetter, das den ganzen Tag ein schneller Wechsel zwischen Sonne und Regen war, ist gerade recht schön, und wir steigen die Treppe hinauf auf die Aussichtsplattform. Von hier oben hat man einen schönen Blick auf das Umland. Aber auch hinab auf den Klostergarten.











Eine eigene Geschichte erzählt die Glocke, die hier oben auf dem Dachreiter hängt: 1947 fanden einige schlesische Heimatvertriebene eine Glocke im Watt in der Nähe von Wilhelmshaven, und nahmen sie mit in ihr Behelfslager. 1975 fand sie schließlich ihren Weg in die St. Hedwigs-Kirche in Hohenkirchen, wo sie bis zum Jahr 2007 läutete. Dann wurde St. Hedwig profaniert, und die Glocke geriet in Vergessenheit.

2008 entdeckte sie zufällig der Vorsitzenden des Födervereins „Freunde der Klosterstätte Ihlow e.V.“, und bat darum, sie im Dachreiter der Klosterstätte Ihlow aufhängen zu dürfen. Die Kirchengemeinde Schillig und das Bischöfliche Offizialat in Vechta stimmten zu, und so fand die Glocke aus dem Watt hier in Ihlow eine neue Heimat.

Damit ist die Geschichte allerdings noch nicht zu Ende: Im Frühjahr 2009 wurde sie nämlich genau von dieser Stelle gestohlen, und ist bis heute nicht wieder aufgetaucht. Im September 2009 wurde daher eine Kopie angefertigt und hier auf gehangen.





Wir steigen nun die Treppe wieder hinab, und werfen noch einen letzten Blick auf Kloster und Garten. Dann gehen wir zum Parkplatz, setzen uns in das Auto, und fahren Richtung Heimat. Es ist schade, dass das Wetter nicht am ganzen Wochenende so gut und vor allem trocken war wie heute. Ich wäre gerne den Weg komplett gelaufen.






Fazit (mit ein wenig Abstand):

Was soll man sagen zu einer Wanderung, die man machen wollte, aber wegen zu starken Regen abbrechen musste? Natürlich, dass man es noch einmal versuchen möchte. Was sonst?

Aber will ich das wirklich? Will ich wieder rund die Hälfte des Wegs an und auf Straßen entlangwandern, den harten Asphalt unter den Sohlen? Ich weiß zwar, dass sich der Pilgerweg an den Wegen orientiert, den die Menschen auch vor hunderten von Jahren schon gegangen sind. Und da fuhren nun mal noch keine Autos, sondern kam lediglich mal ein Reiter oder eine Kutsche vorbei. Doch dieses Wissen nützt mir wenig, wenn heute PKWs und LKWs direkt neben mir vorbeirasen.

Ich bin der Meinung, die Ruhe und Besinnung des Pilgerns muss vom gesamten Weg ausgehen. Und nicht nur von einzelnen Punkten und Stationen. Daher komme ich nach Ostfriesland gern wieder, aber nicht zum Pilgern. Davon habe ich andere Vorstellungen als das, was ich hier gesehen bzw. erlebt habe.



Einige Flyer und Infoblätter:

Karte des Pilgerweges Scholar Dei

Stille Räume im Kloster Ihlow

Klostergarten von Kloster Ihlow

Wibadi-Kirche in Wiegboldsbur

Stadt Norden - Ludgerikirche

Arp-Schnitger-Orgel der Ludgerikirche



Scholar Dei


Tag 1

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