Unterwegs auf dem Weserradweg


2. Tag: Von Beverungen bis Bodenwerder

Geschlafen habe ich recht gut. Aber der morgendliche Blick aus dem Fenster verheißt nichts Gutes: Der Himmel ist grau, und ein feiner, dünner Nieselregen überzieht die Stadt. Sogar ein schwaches Gewitter zieht gerade hier durch. Daher lassen wir uns viel Zeit mit dem aufstehen und dehnen anschließend auch das Frühstück ziemlich lange aus. Und das mit Erfolg: Als wir uns gegen zehn Uhr auf die Räder schwingen, hat der Wettergott ein Einsehen. Der Regen hört auf, nach und nach verschwinden auch die Wolken.

Wir fahren gemütlich an der Weser entlang bis nach Wehrden. Hier wechseln wir mit einer kleinen Fähre hinüber auf die andere Uferseite. Grund dafür ist das Schloss Fürstenberg, bekannt für das Porzellan, dass dort hergestellt wird und das hoch oben auf einen Berg über der Weser thront. Dafür lassen wir die Räder unten am Fluss stehe und machen uns zu Fuß auf den recht beschwerlichen Weg, der ziemlich steil bergauf zu dem im Stile der Weserrenaissance errichteten Schloss führt. Oben werden wir dafür sogleich mit den wunderschönen Ausblick auf das Umland belohnt. Ja, die vornehmen Leute früher wussten nicht nur WIE, sondern auch WO man Schlösser bauen muss …




-> Räder abstellen und dann zu Fuß hinauf zum Schloss




-> Am Schloss Fürstenberg




-> Aussicht vom Schloss


Aber wir möchten mehr sehen als „nur“ die schöne Landschaft. Uns interessiert das im Schloss untergebrachte Museum, in dem Fürstenberg-Porzellan aus über 250 Jahren ausgestellt wird. Somit gehört die 1747 gegründete Manufaktur zu den ältesten Porzellanherstellern Europas. Und sicher auch zu den renommiertesten. Aber wir haben Pech: An der Eingangstür zum Museum stoppt uns ein Schild mit der Aufschrift „Wegen der umfangreichen Modernisierungsarbeiten ist das Schloss bis Anfang 2017 geschlossen“. Das ist wirklich schade. Zwar gibt es noch den Hinweis, dass ein Teil der Ausstellung in der alten Remise auf dem Schlosshof gezeigt wird, aber das ist nicht das, was wir uns vorgestellt haben. Also begnügen wir uns mit der Außenansicht der Anlage und mit dem Besuch des ehemaligen Pferdestalls, der zum Verkaufsraum umgebaut wurde. Hier können Besucher das Fürstenberg-Porzellan kaufen. Wir allerdings beschränken uns auf das ansehen.




-> Am Schloss Fürstenberg




-> Zum ehemaligen Pferderstall, heute Verkaufsraum




-> Nicht nur Porzellan gibt es hier


Nicht allzu lange dauert unser Besuch bei den Fürstenbergs, schon bald darauf machen wir uns an den Abstieg hinunter zur Weser und zu unseren Rädern. Die Fahrt führt uns jetzt direkt am Weserufer entlang, vorbei an dem kleinen Örtchen Boffzen (da gibt es übrigens ein Glasmuseum, das wir uns allerdings nicht ansehen) weiter bis nach Höxter. Hier wechseln wir die Uferseite und fahren in die Innenstadt. Dort stellen wir die Räder ab, kaufen uns ein Eis und schlendern ein wenig durch die Fußgängerzone und über dem Marktplatz. Und auf diesem fällt uns sogleich ein Haus mit vielen, immer unterschiedlichen Schnitzereien auf. Es ist die alte Dechanei aus dem Jahre 1561. Eine Dechanei (oder auch Dekanat bzw. Dekanei) ist, wie ich in meinem Reiseführer lese, eine kirchliche Verwaltungseinheit. Hier wurden früher zehn Pfarreien durch einen Dekan oder auch Dechanten verwaltet. In Höxter war die Dechanei gleichzeitig auch der Adelssitz der Familie von Amelunxen, einem alten westfälisch-niedersächsischen Adelsgeschlechts.
Zu Hause lese ich, dass die alte Dechanei das wohl meist fotografierte Haus in Höxter ist. Das glaube ich gerne und gebe zu: Auch ich habe nicht wiederstehen können, es auf meinen Speicherchip zu bannen ;-)




-> Alte Dechanei in Höxter


Nur wenige Meter weiter steht eine Kirche. Es handelt sich um die katholische Pfarrkirche St. Nikolai, die eine recht interessante Geschichte aufweist. Sie wurde um 1200 gegründet. Nach der Reformation wurde sie 1533 evangelisch, wegen dem Mangel an einem Pfarrer jedoch kaum genutzt. Daher verfiel sie mehr und mehr, bis sie ab 1662 wieder von den Katholiken genutzt wurde. Allerdings war auch das nicht von Dauer. Da die Bausubstanz der Anlage sehr schlecht war, wurde die Kirche nach dem Siebenjährigen Krieg (1756–1763) abgerissen und eine neue gebaut. Diese wurde 1771 von Fürstabt Philipp von Spiegel zum Desenberg eingeweiht.




-> Pfarrkirche St. Nikolai in Höxter



-> Pfarrkirche St. Nikolai in Höxter


Wir beenden unsere kleine Pause in Höxter, steigen auf unsere Räder und fahren weiter an der Weser entlang. Schon nach kurzer Zeit erreichen wir das, worauf ich mich bereits im Vorfeld der Tour so richtig gefreut habe: Das Kloster Corvey.

Das heutige Schloss und ehemalige Kloster gilt als eine der bedeutendsten Klostergründungen im mittelalterlichen Deutschland. Bereits von außen bietet die Anlage eine ziemlich imposante Ansicht.




-> Der Westflügel von Corvey




-> Das Westwerk, der älteste heute noch erhaltene Bauteil


Wir aber bleiben nicht draußen, sondern sehen uns die Anlage auch von innen an. Als erstes gehen wir in die Klosterkirche. Sie ist sehr üppig ausgestattet. Am auffälligsten finde ich die Orgel, aber auch vieles andere hier zieht den Besucher in seinen Bann.




-> Orgel der ehemaligen Klosterkirche Corvey




-> Barockes Innenleben der Basilika


Von der Kirche aus gehen wir weiter, um die historischen Räume des Schlosses zu erkunden, die aus dem 18. und 19. Jahrhundert stammen. Jede Menge Zimmer sind zu besichtigen, wir gehen durch Prunk-, Wohn- und Schlafräume, die allesamt sehr gut erhalten sind.




-> Blauer Salon im Westflügel


Schließlich kommen wir zu dem, auf das ich mich am meisten gefreut habe: Zur Fürstliche Bibliothek, die im Nordflügel untergebracht ist. Ungefähr 75.000 Bände sind es, die hier stehen. Damit zählt Corvey zu den bedeutendsten noch existierenden Privatbibliotheken Deutschlands. Ein klein wenig bin ich allerdings dann doch enttäuscht. Es ist nicht ein großer, imposanter Raum, in dem sich diese Büchersammlung befindet. Vielmehr sind es 15 Säle, in denen die Sammlung mit teils doch recht prachtvollen Bücherschränken aufbewahrt wird. Mittendrin auch das Arbeitszimmer des Hoffmann von Fallersleben. Dies war der Corveyer Bibliothekar, der nach und nach diese Sammlung aufgebaut hat. Den meisten Menschen ist er aber wohl eher als Dichter der Deutschen Nationalhymne bekannt. Sein Grab befindet sich übrigens auf dem angrenzenden Friedhof.




-> Büste des Hoffmann von Fallersleben




-> Arbeitszimmer des Corveyer Bibliothekars




-> Einer der Säle, in denen die Bücher untergebracht sind




-> Insgesamt 15 Räume mit Büchern umfasst dei Bibliothek


Die Anlage hier ist seit 2014 als Weltkulturerbe eingetragen. Und das völlig zu Recht, wie ich finde.

Leider können wir hier keinen ganzen Tag verbringen. Ich glaube zwar, dass wäre für mich kein Problem, bei den vielen Dingen, die es hier zu entdecken gibt. Aber wir müssen weiter, schließlich ist unser heutiges Ziel der Ort Bodenwerder. Daher fahren wir am Nachmittag weiter an der Weser entlang, zunächst bis Holzminden, wo wir nur eine kleine Pause machen, um uns Kaffee und Kuchen in einem kleinen Cafe schmecken zu lassen. Mit etwas mehr Zeit hätten wir hier auch gerne einen „duftenden Stadtrundgang“ gemacht, der hier angeboten wird. Holzminden nennt sich nämlich auch Stadt der Düfte und Aromen". Grund dafür ist, dass ein bekannter Dufthersteller hier seinen Firmensitz hat. Wir allerdings radeln weiter, immer an der Weser entlang und vorbei an kleinen Ortschaften wie Heinsen, Polle, Brevörde oder Pegestorf.




-> Entlang der Weser


Leider reicht die Zeit unterwegs nicht mehr für so interessante Orte wie das Weserrenaissance Schloss Bevern oder die Burg der Grafen von Everstein, auf der Aschenputtel zu Hause ist. Es ist bereits früher Abend, als wir Bodenwerder erreichen. Unser Ziel, die dortige Jugendherberge, ist gar nicht so einfach zu finden. Schließlich, nachdem wir mehrere Passanten gefragt und einen sehr, sehr steilen Anstieg hinter uns gebracht haben, finden wir sie doch, checken ein und machen uns auf den Weg wieder hinab in die Stadt, um in einem der Restaurants zu Abend zu essen. Hier im Ort ist anscheinend die „Münchhausen-Mania“ ausgebrochen. Nicht nur Figuren vom „Lügenbaron“ sind hier zu finden, auch Straßen, Plätze und sogar ein Kindergarten sind nach ihm benannt worden. Ich persönlich finde dass alles schon ein wenig zu dick aufgetragen.




-> Münchhausen ist allgegenwärtig


Aber die Stadt hat auch schönes altes Fachwerk zu bieten. Wir beschließen den Abend dann direkt an der Weser in einem kleinen Restaurant. Ungefähr 45 Kilometer waren es heute. Das genügt, finden wir. Schließlich möchten wir auch die Zeit haben, uns auf Weg das eine oder andere anzusehen.




-> Blick in die Altstadt



-> Abendliche Stimmung an der Weser






Zu Tag 3



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