Motorradtour durch Schottland


8. Tag: Mittwoch, 02.06.10

Die erste Nacht in einem B&B haben wir gut geschlafen. Morgens nach der Dusche gehen wir hinunter in den Aufenthaltsraum, wo uns Ken bereits erwartet. Mit einer Kochschürze um den Bauch sieht er fast wie ein Fernsehkoch aus, und ganz professionell fragt er uns, ob wir ein „full english breakfirst“ haben möchten. Wir entscheiden uns dafür, es bei Toast, Ei und Schinken zu belassen, und kurz darauf planen wir zufrieden kauend den heutigen Tag. Ziel ist das Städtchen Pitlochry, wo wir uns in der Jugendherberge einquartieren wollen. Kurze Zeit später erscheint auch das Ehepaar aus Frankfurter, das gestern Abend noch spät eingecheckt hatte. Heute Morgen sind die beiden um einiges gesprächiger als am Vortag, und als wir erfahren, das sie gerade von einem Whisky-Festival auf der Isle of Islay kommen, und den Kofferraum voller Whiskyflaschen haben, entsteht sofort ein interessantes Gespräch über das „Wasser des Lebens“, wie Whisky aus dem gälischen übersetzt heißt. Auch Ken setzt sich wieder zu uns, diesmal allerdings mit einem Tee- statt einem Whiskyglas. So erfahren wir so einiges über die Herstellung des Whiskys. Und so ganz nebenbei auch, dass hier in Aberlour die Destillery etwas ganz besonderes sein soll. Die dortige Verköstigung gilt schon fast als legendär: Sechs verschiedene Sorten gilt es zu probieren, und wohl noch niemanden ist es gelungen, ohne leichte Schräglage das Gelände wieder zu verlassen. Obwohl wir letztere Aussagen von Ken nicht ganz wörtlich nehmen, wollen wir dieser Lokalität heute auf jeden Fall noch einen Kurzbesuch abstatten.

Zunächst heiβt es jedoch packen und Abschied nehmen: Von dem Frankfurtern, die so herrlich über Whisky erzählen konnten, und natürlich von Ken, unserem Gastgeber. Wer mal hier in der Gegend ist, dem kann ich „Norlaggan B&B“ auf jeden Fall empfehlen. Wir holen die Motorräder aus dem Hof, und starten dann Richtung Süden. Weit brauchen wir bis zur ersten Pause allerdings nicht warten. Schon am Ortsausgang halten wir an, und werfen einen Blick auf die bereits erwähnte Aberlour Destillery.





Eine Besichtigung wollen wir nicht machen, uns aber den Verkaufsraum mal ansehen. Dort ersteht Johannes dann ein Flasche Whisky, die ihm vom Verkäufer empfohlen wird, sowie zwei Original Aberlouer Nosing glasses. Diese sind aufgrund ihrer besonderen Form bestens für den Genuss von Whisky geeignet. Und da ich gerade daneben stehe, kaufe ich auch zwei von diesen Gläsern. Jetzt heiβt es nur noch, diese auch heile bis nach Hause zu bekommen.


Zurück bei den Mopeds auf dem Parkplatz noch eine kleine Episode: Gerade fährt ein Wagen mit englischen Nummernschild vor, zwei Frauen sind da drin. Sie parken rückwärts ein, und beim zweiten Male klappt das auch. Die beiden steigen aus, und wir machen uns auf Deutsch ein bisschen lustig über die Parkkünste von Frauen. Da sagte die eine der beide doch tatsächlich „Immer die blöden Kommentare von den Kerlen. Können die nicht einfach ihre Klappe halten“. Und das auch noch einem schönen, breiten Bayerisch. Ein wenig verdutzt schauen wir drei uns an, was wiederum die beiden Frauen amüsiert. Des Rätsels Lösung: Es sind zwei Deutsche aus Bayern, und hier in Schottland mit einem Leihwagen unterwegs. Wir nehmen uns vor, in Zukunft ein wenig vorsichtiger mit unseren Äuβerungen zu sein, auch wenn wir glauben, „unter uns“ zu sein.





Dann geht es aber endlich weiter auf unserer Tour. Wir halten uns Richtung Süden. Neben mehreren kleinen Pausen haben wir auch einen gröβeren Zwischenstopp geplant: Schloss Balmoral, der Sommersitz der Queen. Brav wie wir sind, parken wir auf dem offiziellen Parkplatz. Von dort aus ist es noch ein strammer Fuβmarsch bis zum Eingang des Schlossparks. Dort angekommen sehen wir, dass es hier direkt am Tor einen kleinen Parkplatz für Motorräder gibt. Na toll, und wieso sagt uns das keiner??? Wir zahlen Eintritt und laufen anschlieβend durch den Park, der das Schloss umgibt. Endlich stehen wir vor dem Schlossgebäude, und ... sind enttäuscht.





Das ist nicht das, was wir uns unter einem Schloss vorstellen, in dem die britische Königin den Sommer verbringt. Relativ klein, und kein bisschen repräsentierend wirkt es auf mich. Auch im Inneren bessert sich der Eindruck nicht. Das, was wir zu sehen bekommen, haut mich nicht von Stuhl. Ein wenig enttäuscht machen wir uns auf den Rückweg zu unseren Motorrädern. Die Aristokratie ist auch nicht mehr das, was sie mal war...





Wir setzen unseren Weg Richtung Süden fort, und erreichen bei gutem Wetter am frühen Nachmittag das örtchen Pitlochry. Hier haben wir eine Übernachtung in der Jugendherberge gebucht. Aber es ist gar nicht so einfach, diese zu finden. Irgendwann geben wir es auf, und fragen an einer kleinen Straβenkreuzung eine Frau, die gelangweilt am Gartenzaun steht. Sie guckt uns an wie Auβerirdische, und zeigt dann die Straβe rechts entlang. Dort geht es für ungefähr dreiβig Meter recht steil bergauf, und dort oben thront sie, die Herberge. Wir haben quasi direkt davor gestanden. Kein Wunder, das die Frau uns für blind hielt. Wir fahren den Weg hinauf, und genieβen zunächst einmal den Ausblick auf den Ort, den man von hier oben hat. Einfach schön. Leider können wir noch nicht das Zimmer beziehen. Erst ab 18:00 Uhr ist das möglich. Also schlagen wir hier oben die Zeit ein wenig tot mit Tagebuch schreiben und Touren für den nächsten Tag planen, bis wir endlich einchecken können. Der Herbergsvater erklärt uns auf Englisch die Hausordnung, und etwas mühsam können wir ihm folgen. Als alles geklärt ist, sagt er zum Abschluss: „Ach übrigens, wir hätten uns auch auf Deutsch unterhalten können, ich komme aus Bayern“. Na super, und dafür hören wir uns einen Knoten in die Ohren. Ich unterdrücke einen Fluch, und dann bringen wir unsere Sachen auf das Zimmer. Oha, hier ist es aber eng. Acht Betten sind hier, eine Toilette mit Waschgelegenheit sowie eine Dusche gehören noch dazu. Es ist kaum Platz für das Gepäck, einen Teil lege ich an das Fuβende meines Bettes.

Anschlieβend gehen wir hinunter in den Ort. Wir schlendern durch die Straβen, und kaufen im Supermarkt noch für unser Abendessen ein. Ein Weihnachtsgeschäft fällt uns auf: Hier steht in vielen verschiedenen Sprachen „Frohe Weihnachten“ sowie ein Countdown mit den verbleibenden Tagen bis Heiligabend. Das Schaufenster ist vollgestopft mit Weihnachtsartikel. Ich wusste gar nicht, dass die Schotten so verrückt auf dieses Fest sind. Wir gehen zurück zur Herberge, was gar nicht so leicht ist. Es geht steil bergauf. Allerdings sehen wir jetzt mehrere Hinweisschilder, die uns den Weg weisen. Heute Nachmittag waren die uns gar nicht aufgefallen. Nach dem Abendessen, sitzen wir noch ein wenig auf der Bank vor dem Haus. Die Aussicht ist jetzt in der Dämmerung mit den vielen eingeschalteten Lichter noch schöner als heute Nachmittag. Wir kommen mit einem Schotten ins Gespräch. Er ist aus Edinburgh, und zurzeit auf Urlaubstour. So wie er machen es viele der Einheimischen. Sie setzen sich aufs Rad, fahren aufs Gerade wohl in eine Richtung, übernachten unterwegs in Unterkünften, die ihren Geldbeutel entsprechen, und wenn der Urlaub dann zu Ende ist, setzen sie sich samt Rad in den Zug, und fahren wieder nach Hause. Wir versuchen noch einen Geheimtipp für Edinburgh zu bekommen, also etwas, was wir uns unbedingt ansehen sollen. Aber auβer der Burg kann uns der gute Mann nichts empfehlen. Und die hatten wir ja sowieso schon auf unserer Liste.





Es ist fast elf Uhr, bis ich im Bett liege. Morgen fahren wir nach Edinburgh, Übermorgen verbringen wir den ganzen Tag dort, und einen Tag später geht es schon wieder nach Hause. Wahnsinn, wie schnell die Zeit vergeht!


Gefahrene Strecke: Aberlour -> Pitlochry: 155 KM

Unterkunft: Jugendherberge Pitlochry




Zu Tag 9



Schottland


Intro

Tag 1

Tag 2

Tag 3

Tag 4

Tag 5

Tag 6

Tag 7

Tag 8

Tag 9

Tag 10

Tag 11

Tag 12

Nachtrag




nach oben


© by "tournotizen.de"   |   E-Mail: tournotizen[at]gmx.de