Schottland "on the road"


-> 9. Tag

Ab acht Uhr gibt es Frühstück und bereits wenige Minuten später betrete ich den Speiseraum. Was ich hier allerdings sehe, verdirbt mir den Appetit. Die Tapeten rollen sich an den Decken teilweise bereits auf, die Farbe der Holzfensterrahmen ist spröde, Regenwasser scheint sich durch die undichten Fensterrahmen seinen Weg gebahnt zu haben und hinterließ dabei seine feuchte Spur auf der Wand, die Tischdecke hat mehr Flecken als Blumen in dem Muster, Geschirr und Besteck haben einen stumpfen „Glanz“ – Nein, essen werde ich hier nichts!

Ich drehe mich um und verlasse den Raum. Dabei bemerke ich ein Pärchen mittleren Alters, das jeweils einen hoch mit Essen angehäuften Teller vor sich stehen hat und sich das mit viel Begeisterung in dem Mund schaufelt. Gerade so, als ob es die größte Delikatesse wäre, die sie jemals bekommen habe. Später werde ich die beiden auf den Parkplatz des Hotels in ihren neu- und hochwertigen Mercedes mit britischen Kennzeichen steigen sehen. Anscheinend ist die Meinung über Sauberkeit bei den beiden ein wenig anders als bei mir.

Ich gehe zurück auf mein Zimmer und packe meinen Rucksack. Ich habe noch einige Kekse und eine halbvolle Flasche Mineralwasser, dass wird dann heute mein Frühstück werden. Auch Sonnenbrille und Cap nehme ich mit. Das Wetter soll Heute nämlich, so ganz anders als dieses Hotel, richtig gut werden. Ich hatte gestern Abend noch kurz überlegt, bereits heute hier auszuchecken. Aber in Oban eine Unterkunft zu bekommen, ist nicht ganz einfach. „No vacancies“ stand in allen Fenster der B&B’s, die ich gestern gesehen hatte. Auch die Option, Oban zu verlassen und weiter zu fahren, habe ich verworfen. Die Tour mit dem Offshoreboat war nicht günstig. Da ich den Preis gestern bereits bei der Buchung bezahlen musste, wäre das Geld futsch. Und das möchte ich auch nicht. Also habe ich mich zu der Variante „Augen zu und durch“ entschieden. Außer zum schlafen werde ich mich in diesem Hotel aber nicht aufhalten.


Der McCaig’s Tower

Nun mache ich mich auf den Weg zum McCaig’s Tower. Dieser thront hoch oben über Oban und ist eigentlich von jedem Punkt der Stadt aus gut zu sehen.




-> Dort ganz oben rechts will ich hin: Der McCaig’s Tower


Die Geschichte dieses Turmes ist recht schnell erzählt:
Der erfolgreiche Bankier John Stuart McCaig aus Oban wollte sich ein Denkmal setzen. Ihm gefiel das Kolosseum in Rom, so etwas in der Art wollte er auch haben. Also ließ er im Winter 1897 die einheimische Arbeiter mit dem Bau eines Turmes beginnen. Für die war diese Arbeit ein Segen, war der Winter doch seit eh und je eine Zeit ohne viel Arbeit und somit ohne viel Lohn.

Die Arbeiten an dem Turm fanden ein Ende, als John Stuart McCaig im Jahre 1902 starb. Ab hier sind sich die Geschichtsbücher dann uneinig: Einmal wird gesagt, dass seine Nachfahren alle Arbeiten sofort einstellen ließen, um das Erbe unter sich aufzuteilen. Die andere Version der Geschichte erzählt, dass die Familie nach seinem Tod verarmte und somit kein Geld mehr für den Weiterbau hatte.

Wie auch immer, heute steht von dem ehrgeizigen Bauprojekt lediglich die Außenfassade. Aber auch die ist schon recht imposant. Immerhin wird das innere des Turmes heute als Park gepflegt. Und es gibt eine kleine Außenplattform, die bestiegen werden kann und von der aus sich eine wunderbare Aussicht auf den Ort und das Meer bietet.

Aber zunächst einmal muss man dort hinauf gelangen. Und das ist trotz der frühen Uhrzeit schon eine recht schweißtreibende Sache. Der Stadtplan, den ich gestern in der Touristeninformation bekommen habe, hilft mir dabei, so dass ich irgendwann endlich vor dem Turm stehe. Wow, wirklich imposant.




-> Blick auf den McCaig’s Tower




-> Blick auf den McCaig’s Tower


Ich gehe in das Innere der Anlage und nutze eine Bank für eine kleine Pause. Und für mein karges Frühstück, dass ich mir nun endlich gönne. Ich bin noch fast alleine hier, nur ein asiatisches Pärchen, ein junger Mann und eine ältere Lady sind hier oben.

Nach meinem „Festmahl“ drehe ich dann eine Runde durch die kleine Anlage. Dabei versuche ich mir vorzustellen, wie der Turm wohl aussehen würde, wenn er fertiggestellt worden wäre. Für all die nun offenen Fensteröffnungen waren ursprünglich mal Fensterscheiben geplant. Und das wären ganz schön viele geworden. Also müsste auch ein Dach für diesen Turm geplant gewesen sein. Leider finde ich auch auf den hier aufgestellten Infotafeln keine Informationen darüber.




-> Überraschend groß: Das innere des Turmes




-> Das innere des Turmes wird heute als Park gepflegt




-> Das innere des Turmes wird heute als Park gepflegt


Schließlich gehe ich hinaus auf die Aussichtsplattform. Der Blick hinunter auf die Umgebung ist wirklich sehr schön. An der Wand ist eine Sitzbank befestigt und ich setze mich eine Weile hier hin und genieße die Aussicht. Wirklich einen wunderbaren Platz hatte sich John Stuart McCaig für sein geplantes Monument ausgesucht. Schade, dass er seinen Traum nicht bis zum Ende verwirklichen konnte. Aber wer weiß, wie es dann heute hier aussehen würde. Vielleicht wäre es zu einem exklusiven Hotel umgebaut worden. Oder zu einem Edel-Restaurant. So gesehen ist es vielleicht am besten so, wie es ist.




-> Blick von der Aussichtspalttform auf Oban




-> Blick von der Aussichtspalttform auf Oban




-> Blick von der Aussichtspalttform auf Oban


Es wird Zeit für mich, wieder hinunter in den Ort zu gehen. Vor der Bootstour möchte ich noch etwas trinken. Also mache ich mich auf den Weg und sitze bald darauf in einem Café in Hafennähe und lasse mir einen Cappuccino schmecken.


Eine Tour mit dem Offshoreboat

Zeitig mache ich mich auf den Weg Richtung Pier, von dem aus die Bootstour starten soll. Es ist ein kleines Boot, gerade mal acht Leute passen neben dem Bootsführer hier drauf. Und diese acht Plätze sind auch komplett ausgebucht. Pünktlich legen wir ab und fahren zunächst gemächlich aus dem Hafenbecken hinaus. Dabei kommen wir auch an der St. Columba’s Cathedral und an Dunollie Castle vorbei. Jetzt kann ich auch vom Wasser aus mal einen Blick darauf werfen.




-> Klein aber fein: das Offshoreboat




-> Die St. Columba’s Cathedral vom Wasser aus gesehen




-> Blick auf Dunollie Castle


Bald darauf nimmt das Boot Fahrt auf. Mit hoher Geschwindigkeit „fliegen“ wir über das Wasser. Trotzdem müssen wir Passagiere nicht im Sessel sitzen und uns anschnallen, sondern können draußen auf dem kleinen Deck stehen. Nur festhalten sollen wir uns, sagt uns der junge Bootsführer. Na klar, kein Problem. Mir macht das hier an der frischen Luft viel mehr Spaß als innen in der Kabine.




-> Unser Boot macht mächtig Speed




-> Das macht schon Spaß...


Als erstes steuern wir eine Lachszucht an. Fisch ist nach Whisky Schottlands zweitgrößte Exportware. In immerhin 64 Länder weltweit exportieren die Schotten seit mehr als 40 Jahren den Fisch, insbesondere Lachs. Unser Bootsführer, dessen ausgefallenen schottischen Namen ich mir leider nicht merken konnte, erzählt uns das mit einem gewissen Stolz.

Unsere Fahrt führt weiter bis zur Insel Mull. Dort steht Duart Castle, ein Schloss, dass momentan von Baugerüsten umgeben ist. Vom Wasser aus hat man einen recht guten Blick auf das Gebäude, dass auch schon in einem Film mitgewirkt hat: „Entrapment“ aus dem Jahre 1999, mit dabei waren damals unter anderem Sean Connery und Catherine Zeta Jones. Zuhause lese ich, dass der deutsche Titel „Verlockende Falle“ hieß. Gesehen habe ich den Film allerdings nicht.

Unsere Fahrt führt über den Loch Linnhe weiter Richtung Norden, an einigen Seehundeinseln vorbei bis wir wieder auf Land stoßen. Unser Bootsführer erzählt, dass hier oft ein Seeadler zu sehen ist. Die Vögel waren in dieser Gegend komplett ausgerottet worden, da sie den Fischern ein Dorn im Auge waren. Vor einigen Jahren wurden hier aber wieder einige Tiere ausgewildert. Ich bin, ehrlich gesagt, skeptisch und halte diese Geschichte für Seemannsgarn. Aber nur so lange, bis plötzlich tatsächlich ein Seeadler am Himmel auftaucht. Es hat wirklich etwas majestätisches, wie der große Vogel durch die Luft gleitet und sich dann auf den Ast eines Baumes niederlässt. Wir alle sind begeistert und lassen die Auslöser unserer Kameras glühen. Einfach ist es nicht, vom leicht schwankenden Boot aus eine passable Aufnahme zu machen, aber irgendwann sind alle zufrieden und unser Boot nimmt wieder Kurs auf Oban.

An einem alten Leuchtturm kommen wir noch vorbei und in der Ferne ist der Ben Nevis zu sehen, der mit 1.345 Metern höchste Berg im Vereinigten Königreich. Als unser Bootsführer schließlich das Tempo unsere Offshorebootes drosselt und wieder viele Möwen rund um unser Boot kreisen, wissen wir, dass wir Oban fast erreicht haben und unsere Tour nun zu Ende geht. Fast zwei Stunden sind wie im Fluge vergangen, Spaß hat es uns allen gemacht.




-> Lachszucht vor Obans Küste




-> Nicht gerade schön, aber trotzdem Filmstar: Duart Castle




-> Kleine Seehundsinsel




-> Der Seeadler hat alles im Blick




-> Kleiner Leuchtturm vor Oban




-> Blick über das Wasser


Ich schlendere nun ein wenig dem Fußweg entlang, der direkt am Meer liegt. Kurz darauf stehe ich vor der „Oban Chocolate Company“. Aber bei dem „davorstehen“ bleibt es natürlich nicht. Viel zu lecker sieht das aus, was in den Schaufenstern ausliegt, also gehe ich hinein und habe dort die Qual der Wahl. Schokolade in allen möglichen Formen und Farben, auch ein kleines Café ist hier untergebracht. Ich gehe von Regal zu Regal und entscheide mich schließlich für zwei Sorten, die in meinen Rucksack wandern. Nur ein kleines Stück der Dunklen Schokolade mit Chilliflocken und Seesalz wandert sofort in meinem Mund. Sehr speziell, muss ich sagen. Jeden Tag könnte ich das nicht naschen, aber hin und wieder...




-> Die Oban Chocolate Company




-> Werbeschild der Oban Chocolate Company


Mittlerweile ist es Zeit für ein kleines Abendessen. Nach dem Reinfall gestern im „The Oban Inn“ bin ich heute besonders wählerisch. Fündig werde ich schließlich im „Cuan Mor“, einen Restaurant direkt an der viel befahrenen Hafenstraße. Drinnen merkt man dann aber nichts von dem Verkehr. Die Bedienung ist aufmerksam und schnell, dass Essen lecker und die Preise absolut in Ordnung. Heute bin ich zufrieden mit dem Tag und dem erlebten. Aber es wäre ja auch schade, wenn Oban nur negatives für mich gehabt hätte.

Ich verlasse das Lokal und überlege, was ich noch machen könnte. Es ist noch zu früh, um ins Hotel zu gehen. Gerade, als ich mich entschlossen habe, noch einmal hoch zu McCaig’s Tower zu gehen und mir von dort den Sonnenuntergang anzusehen, höre ich plötzlich sehr laute Dudelsackmusik. Auch die schottischen Trommeln sind dabei. Und so laut, wie das klingt, sind es nicht nur ein oder zwei Musiker, die da spielen. Ich folge den Klängen und sehe schließlich eine große Gruppe junger Leute, die mit Dudelsäcken und verschiedenen Trommel mitten auf einen kleinen Platz musiziert. Es stehen bereits viele Menschen dort und ich stelle mich dazu, um den Musikern zuzuhören. Auf einem kleinen Schild steht, dass dies die Nachwuchsmusiker einer Musikgruppe sind. Wer mag, kann eine Spende in eine Box werfen. Ich muss schon sagen, die Jungen und Mädchen haben Kondition. Sie spielen und spielen und spielen. Fast eine Stunde lang höre ich Ihnen zu, dann mache ich mich auf dem Weg zum Hotel. Und die Musik verfolgt mich dabei noch eine ganze Weile...




-> Die Dudelsackgruppe lädt zum zuhören


Heute war es ein schöner Tag hier in Oban gewesen. Ich bin froh, dass ich noch hiergeblieben bin, auch wenn ich mich nun im Hotel wieder sehr unwohl fühle. Ich fange an, meine Sachen zu packen. Morgen früh will ich zeitig los, je früher desto besser.




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