Schottland "on the road"


-> 10. Tag

Es ist kurz nach sieben, als ich an der Rezeption meinen Zimmerschlüssel abgebe. Kurz darauf sitze ich in meinem Wagen und lenke ihn aus der noch ruhigen Stadt. Nein, Oban war, anders als Plockton, nicht „Liebe auf den ersten Blick“. Selbst auf den zweiten nicht. Und das lag nicht nur am Hotel. Die Stadt wirkt auf mich recht laut, unruhig und auch ein wenig schmuddelig. Aber ob ich mir so ein Urteil nach knapp zwei Tagen überhaupt erlauben darf?

Jedenfalls bin ich froh, als ich Oban verlassen habe und mein Auto zunächst Richtung Osten lenke. Ortschaften wie „Connel“, „Achnacloich“, „Fanans“ und „Stronmilchan“ fliegen an mir vorbei, bevor ich ab „Crianlarich“ das Steuer gen Süden schwenke. Bald darauf fahre ich an den Ufern des Loch Lommond vorbei, Schottlands größten See. Landschaftlich ist es sehr schön hier, aber zwei Versuche, am Seeufer eine Pause zu machen, scheitern an den Midgets, den klitzekleinen Mücken, die hier eine echte Plage zu sein scheinen. Also fahre ich weiter immer Richtung Süden, an Glasgow vorbei, bis ich in Maybole den Abzweig Richtung Küste nehme. Nach einigen Kilometern stehe ich dann vor Culzean Castle. Oder eigentlich stehe ich vor dem Kassenhaus des Schlosses. Von hier aus sind es noch etliche Meter zu fahren, bis ich zu dem riesigen Parkplatz gelange. Ich ergattere einen der wenigen Plätze im Schatten unter einem Baum. Es ist kurz vor 12:00 Uhr Mittags und mächtig warm. Ich bin gespannt, ob die Schokolade, die ich gestern in der „Oban Chocolate Company“ gekauft habe und die nun im Auto liegt, diese Temperaturen überstehen wird.


Culzean Castle

Vom Parkplatz aus mache ich mich zu Fuß auf den Weg. Ich überquere einen großen Platz und schreite durch ein Tor, das den Blick auf einen kleinen Platz freigibt. Ringsherum sind diverse Häuser, in denen ein Restaurant, Souvenirgeschäfte und Toiletten untergebracht sind. Auf der gegenüberliegenden Seite verlasse ich den Platz, folge einen Weg durch einen kleinen Wald und stehe dann vor einem halb verfallenen Torbogen. Im Hintergrund sehe ich schon das Schloss, aber dessen ganze Größe erkenne ich erst, als ich durch das Tor schreite und mich dem Schloss nähere. Wow, das ist beeindruckend. Ich hatte mich so daran gewöhnt, dass viele Schlösser hier mehr Ruine als intaktes Gebäude sind, dass ich ein wenig verblüfft bin. Auch der großzügig angelegte Garten imponiert mächtig. Optisch ist das alles wirklich ein Leckerbissen.




-> Blick auf Culzean Castle


Das Schloss wurde ursprünglich im 14. Jahrhundert auf einer steilen Klippe errichtet. Das sollte die Feinde davon abhalten, es anzugreifen. Ende des 18. Jahrhunderts spielte dieser Gedanke nur noch eine untergeordnete Rolle, daher ließ David Kennedy, der zu dieser Zeit als der 10. Earl of Cassillis hier lebte, das Schloss umbauen. Hauptsächlich sollte es seinen Freunden imponieren und ich denke, dass ist ihm gelungen. Sowohl von außen als auch von innen. Denn natürlich mache ich auch einen Rundgang durch das Schloss. „Begrüßt“ werde ich dabei von einer riesigen Waffensammlung. Der Enkel von David Kennedy war anscheinend ein Waffennarr, denn er ließ alte Waffenbestände, insbesondere Pistolen und Kurzsäbel, aufkaufen und diese dann hier an der Wand arrangieren. Ein wirklich ungewöhnlicher Wandschmuck.




-> Dekorative Waffensammlung im Culzean Castle




-> Dekorative Waffensammlung im Culzean Castle


Aber das Schloss hat natürlich noch mehr zu bieten. Der Rundweg führt durch Wohn- und Esszimmer, durch Musik- und Schlafräume, durch Bibliothek und Küche sowie ein wirklich beeindruckendes Treppenhaus. Das schöne ist, dass hier das Fotografieren uneingeschränkt erlaubt ist. In den einzelnen Räumen liegen außerdem jeweils Informationsblätter in verschiedenen Sprachen aus, auch auf Deutsch. Neben Infos zu den unterschiedlichen Räumen erfahre ich auch, dass das oberste Stockwerk dem US-General und späteren Präsidenten Dwight D. Eisenhower auf Lebenszeit zur Verfügung gestellt wurde. Dies geschah aus Dank für seine Dienste um die Befreiung Großbritanniens. Und Mr. Eisenhower soll nicht nur während seiner Amtszeit, sondern auch als Rentner einige Male hier gewesen sein und dieses Angebot genutzt haben.




-> Rundgang durch Culzean Castle




-> Rundgang durch Culzean Castle




-> Rundgang durch Culzean Castle




-> Rundgang durch Culzean Castle




-> Rundgang durch Culzean Castle


Nach dem Rundgang durch das innere des Schlosses sehe ich mich auch draußen noch ein wenig um. Zu der einen Seite der großzügige Garten, zur anderen Seite das weite Meer – hier kann man es wirklich aushalten. In einem Infoblatt, das ich beim Kauf der Eintrittskarte erhalten habe, steht, dass dieses Schloss im Jahre 1945 an den National Trust for Scotland (NTS) übergeben wurde. Diesem bin ich ja bereits bei dem Besuch des „Priorwood Garden“ neben dem Kloster Melrose begegnet. Culzean Castle soll die am zweithäufigsten besuchte Sehenswürdigkeit des NTS sein. Wenn ich mich so umschaue, dann glaube ich das gerne.




-> Rund um Culzean Castle




-> Culzean Castle in seiner ganzen Pracht


Es ist Zeit für mich, weiter zu fahren. Vorher trinke ich aber noch etwas in dem Restaurant und sehe mich auch im Souvenirgeschäft ein wenig um. Auf dem Parkplatz steht mein Auto immer noch im Schatten der Bäume, trotzdem kommt ein heftiger Wärmeschwall aus dem inneren, als ich die Tür öffne. Also Klimaanlage auf „volle Pulle“ und los geht’s.

Mein heutiges Ziel ist der kleine Ort Stranraer auf der Halbinsel Rhins Of Galloway. Im dortigen „Glenotter B&B“ habe ich mir ein Zimmer reserviert. Stranraer ist vermutlich einige Irlandreisenden bekannt. Bis vor einigen Jahren konnte man von hier aus mit der Fähre hinüber auf die grüne Insel fahren. Heute geschieht das allerdings vom nahegelegenen Cairnryan. Nach Larne und Belfast fahren die Fähren und nicht wenige Urlauber nutzen Stranraer, um am Anfang und/oder am Ende ihrer Tour hier eine Übernachtung einzulegen. Das zumindest erzählen mir Sylvia und ihr Mann Graham, die Betreiber dieses B&B. Die beiden sind ein supernettes, älteres Ehepaar, ganz so, wie man sich „Herbergseltern“ wünscht. Und auch das Zimmer, das ich hier bekomme, ist Klasse. Einrichtung und Ausstattung bereits ein wenig älter, aber mit Charme und absolut sauber. Welch eine Wohltat nach Oban …




-> Das „Glenotter B&B“ in Stranraer


So gut es mir hier auch gefällt, lange bleibe ich zunächst einmal trotzdem nicht. Ich bringe nur kurz meine Sachen auf das Zimmer, dann setze ich mich auch schon wieder ins Auto und fahre gen Süden. Dort wartet noch eine Sehenswürdigkeit auf mich: Der Mull-of-Galloway-Leuchtturm. Der steht auf dem Kap Mull of Galloway und das ist der südlichste Punkt Schottlands. „Dunnet Head“, also der nördliche Gegenpart, ist ungefähr 460 Kilometern Luftlinie entfernt. Und nachdem ich dort oben bereits auf den Klippen gestanden und auf das Wasser geschaut habe, möchte ich das nun auch hier im Süden machen. Die letzten Kilometer zum Leuchtturm führen über eine Singletrack Road und enden direkt auf dem Parkplatz eines „Visitor Centre“. Auf dessen Terrasse lasse ich mir einen Cappuccino sowie ein Stück Kuchen schmecken und bewundere gleichzeitig den grandiosen Blick über die irische See.




-> Über eine Singletrack-Road zum Kap Mull of Galloway




-> Die Klippen am Kap Mull of Galloway mit dem Besucherzentrum


Dann laufe ich die wenigen Meter zum Leuchtturm. 1828 wurde mit seinem Bau begonnen, die Pläne dazu stammten von Robert Stevenson, dem Großvater des Schriftstellers Robert Louis Stevenson, der insbesondere durch das Buch „Die Schatzinsel“ weltweit bekannt wurde. Zwei Jahre lang wurde gebaut, seitdem leuchtet das Signallicht bis gut 50 Kilometer weit hinaus auf das Meer. Ich hatte im Vorfeld gelesen, dass auch der Turm selbst zu besichtigen ist, aber leider war die Tür verschlossen. Somit muss ich mich also mit der Außenansicht begnügen.
Auch hier finde ich, wie schon in John o’Groats, einen Wegweiser, der die Richtung zu verschiedenen Ort weist und auch die Entfernung dahin.




-> Der Mull-of-Galloway-Leuchtturm




-> Der Mull-of-Galloway-Leuchtturm




-> Der Mull-of-Galloway-Leuchtturm


Ich spaziere noch ein wenig herum, bevor ich mich auf den Weg zurück nach Stranraer mache. Dabei geht mir durch den Kopf, wie viel Glück ich mit dem Wetter habe. Noch nicht einen (!) Regentropfen habe ich abbekommen, fast nicht zu glauben hier in Schottland. Ich hätte mein Regenzeug und auch meine Pullover bedenkenlos Zuhause lassen können, den Regenschirm sowieso. Aber hinterher ist man ja immer schlauer. Und vor allen Dingen: Lieber so, als anders herum!

Es ist früher Abend, als ich zurück in Stranraer bin. Ich habe Hunger, daher mach ich mich zu Fuß auf dem Weg in den Ort. Fündig werde ich im „Custom House“, einem netten Pub, der auch einige Sitzplätze im Freien hat. Ich sitze draußen, genieße das einfache, aber gute und recht preiswerte Essen und sauge die Atmosphäre auf. Es sind jede Menge Einheimische, die um mich herum sitzen und anscheinend den Feierabend gemeinsam genießen. Nach dem Essen blättere ich noch in dem kleinen Reiseführer, den ich mitgenommen habe. Dort steht, dass der Name Stranraer vom schottisch-gälischen „An t-Sròn Reamhar“ kommen soll. Und das bedeutet so viel wie „fette Nase“.
Schon lustig, wie manche Namen entstehen.




-> Abendessen im Pub in Stranraer




-> Brauchst Du (G)inspiration?


Auf dem Weg zurück in das „Glenotter B&B“ kommt ein wenig Wehmut bei mir auf. Morgen werde ich Schottland verlassen und nach England fahren, genauer gesagt nach Newcastle. Von dort wird mich am Abend die Fähre zurück auf das europäische Festland bringen. Unglaublich, wie schnell die Zeit vergeht.







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