Dänemark/Südschweden


9. Tag: Samstag, 08.06.13

Mitten in der Nacht schrecken wir alle drei auf. Eine Stimme in unserem Zimmer sagt laut und deutlich “Jetzt rechts abbiegen!“. Es dauert einen Moment, bis wir realisieren, dass das Navy von Johannes angesprungen ist, warum auch immer.
OK, da hilft nur ausschalten, umdrehen, weiterschlafen…

Nach dem Jugendherbergsfrühstück starten wir in den heutigen Tag. Allerdings kommen wir zunächst mal nicht besonders weit: Wir wollen die Insel Fehmarn verlassen, stehen aber gleich am Beginn der Fehmarnsundbrücke im Stau. Wegen einer Tagesbaustelle ist hier eine Ampel installiert. Und da stehen wir leider einige Zeit vor.





Apropos Fehmarnsundbrücke: Die wurde am 30.4.63 eröffnet, und hatte somit in diesem Jahr 50 jähriges Jubiläum. Die Deutsche Post spendierte dafür sogar eine 75 Cent Briefmarke. „Der größte Kleiderbügel der Welt“, wie die Fehmaraner ihre Brücke auch gerne liebevoll nennen, brachte den Wohlstand auf die Insel. Und machte als Teil der „Vogelfluglinie“ den Weg frei für eine schnellere Verbindung nach Skandinavien.

Schneller kommen auch wir voran, nachdem wir die Baustelle auf dem „Kleiderbügel“ endlich hinter uns gelassen haben. Wir fahren entspannt vor uns hin, bis wir bald darauf Sierksdorf erreichen. Dort lauert dann eine Pause in Form eines Eiscafés, das da am Straßenrand auftaucht. Wir lassen uns gerne ablenken, schließlich haben wir Zeit und Muße, das Wetter ist wieder mal Klasse, und außerdem muss ich ja den Spruch notieren, den ich vorhin am Heck des vor mir fahrenden Wohnmobils aus DN gelesen habe, und den ich während der Fahrt leider nicht fotografieren konnte:

Zum arbeiten zu alt
Zum sterben zu jung
Zum reisen Top-Fit

Ja, genau so wünsche ich mir das für mich auch einmal!!!

Sierksdorf haben wir dann recht schnell hinter uns gelassen. Nach dem Eis haben wir nun jedoch Teedurst, und so folgt bereits in Ratzeburg der nächste Halt in einer Bäckerei. Na, wenn das so weitergeht, dann kommen wir heute nicht wirklich weit. Und genau so ist es auch: Kaum haben wir hinter Ratzeburg die rechte Hand einmal so richtig durchgedreht, fallen wir auch schon in Mölln ein. Hier machen wir eine etwas ausgedehntere Pause, schließlich nennt sich dieser Ort doch auch „Eulenspiegelstadt“, und wir möchten gerne wissen, warum. Allerdings ist es gar nicht so einfach, hier einen Parkplatz zu finden. Schließlich stellen wir die Maschinen in einer Seitenstraße ab. Markus bleibt vor Ort, während Johannes und ich eine Besichtigungstour durch den Ort machen. Hier gibt es ein Eulenspiegelmuseum, einen Eulenspiegelbrunnen, eine Eulenspiegel-Gasse und ein Eulenspiegelgedenkstein. Und natürlich die Eulenspiegel-Festspiele. Auf diese Art und Weise versucht die Stadt Mölln so viel wie möglich Kapital daraus zu schlagen, dass Till Eulenspiegel hier seine letzten Lebensjahre verbracht hat. Oder soll ich sagen „verbracht haben soll“? Denn was an dieser Figur Legende und was Wirklichkeit ist, das ist ja noch gar nicht so ganz abschließend geklärt.









Aber Mölln ist auch ohne Eulenspiegel ein schönes Städtchen. Hübsche alte Häuser stehen hier in schmalen Gassen mit Kopfsteinpflaster, und auch die Kirche kann sich durchaus sehen lassen. Schon im Mittelalter war die Stadt nicht arm. Das verdankte sie ihrer Lage an der alten Salzstrasse, einer Handelsstraße zwischen Lüneburg und Lübeck. Auf ihr wurde das Salz, das im Raum Lüneburg gewonnen wurde, hinauf in den Ostseeraum transportiert. Dort wurde „das weiße Gold“ als Grundlage für den Heringshandel benötigt.
Woher ich das weiß? Nun, ein Besuch in der Touristeninformation vor Ort kann manchmal wirklich interessant sein ;-)













Wir verlassen den rund 18.500 Einwohnern starken Ort, sehr zur Freude von Markus. Dem war es mittlerweile doch ein wenig langweilig geworden. Nur die Diskussion mit den Anwohnern, die sich über unsere geparkten Maschinen beschwerten, brachte ihm etwas Abwechslung.

Ein wenig träge fahren wir weiter. Mittlerweile ist es auch sehr warm geworden. Ich habe schon sämtliche Lüftungsschlitze geöffnet, die mein Motorradanzug so bietet. Trotzdem ist mir warm, und meine Gedanken kreisen schon um das kühle Bier, das ich mir heute Abend gönnen möchte. Allerdings werde ich doch ziemlich brutal in die Gegenwart zurückgeholt, als wir in Lauenburg über die Elbbrücke fahren: Im letzten Jahr habe ich einmal hier auf dieser Brücke gestanden und die herrliche Aussicht genossen. Aber hier und heute erkenne ich, dass das Hochwasser von Süden kommend nun auch hier angekommen ist. Auf der rechten Seite scheint es bereits die Altstadt erreicht zu haben. Aber ich will nicht anhalten, um Fotos zu machen, schließlich bin ich kein Katastrophentourist. Aber aus dem Kopf geht mir der Anblick so schnell nicht.

Unser nächster Stopp ist dann die Schleuse Scharnebeck.





Als sie im Juni 1976 in Betrieb genommen wurde, war es die größte Schleuse der Welt. Immerhin ist hier ein Höhenunterschied von 38 Metern zu überbrücken. Dazu fahren die Schiffe in riesige Wassertröge, mit denen sie dann angehoben oder abgesenkt werden. Allein so ein Trog wiegt 5.800 Tonnen. Es ist schon beeindruckend, wie spielerisch leicht diese Behältnisse bewegt werden. Rund 15 Minuten dauert so ein An- oder Abstieg.













Seinen Ursprung hat diese Schleuse übrigens in der deutsch-deutschen Teilung: Die Schifffahrt in der Bundesrepublik benötigte eine Verbindung zwischen der Elbe und dem Mittellandkanal. Ursprünglich war dies das Wasserstraßenkreuz Magdeburg gewesen, nur lag dieses in der damaligen Zeit auf dem Gebiet der DDR. Also baute die BRD ihre eigene Verbindung, und dabei musste eben auch die Schleuse gebaut werden.





Nachdem wir diese technische Meisterleistung gebührend bewundert haben, kümmern wir uns um unsere Unterkunft für die kommende Nacht. In Lüneburg gibt es eine Jugendherberge, aber unsere Nachfrage dort ergibt, dass sie komplett ausgebucht ist. Wir vermuten, dass auch viele Gäste aus der JH in Lauenburg wegen des Hochwassers dorthin ausgewichen sind. Wir telefonieren weiter, und erhalten schließlich in der Herberge in Uelzen ein 4-Zimmer-Zimmer, das wir allein nutzen können. Also aufsitzen, und los.

Eine gute Stunde später erreichen wir die Jugendherberge. Sie liegt etwas abseits am nördlichen Rand der Stadt, und zu Fuß dauert es eine gute halbe Stunde bis in das Zentrum von Uelzen. Nachdem dem Anmelden und dem beziehen unseres Zimmers machen wir uns auf den Weg dorthin, denn wir können etwas zu essen gebrauchen. Die Innenstadt ist wie leergefegt. Ist heute Fußball-WM-Endspiel, oder warum ist hier niemand auf den Straßen? Wir finden schließlich das „Alte Bürgerliche Brauhaus“.





Dort sitzen wir draußen im Biergarten, und lassen uns das Essen und Trinken schmecken. Kurz nach uns erscheinen noch drei Gäste. Motorradfahrer, wie unschwer zu erkennen ist. Alle drei haben Motorradhose und -stiefel an, die Jacke lässig über den Arm gelegt. Da sie keinen Helm haben, vermuten wir, das sie hier in der Nähe eine Unterkunft haben. „Oder auch bei uns in der Jugendherberge“ mutmaßt Markus. Sie setzen sich zwei Tische weiter, und während wir essen, genehmigen sie sich sehr schnell ein, zwei, drei Bierchen – ich zähle die Gläser gar nicht mit. Zwischendurch löst die Bedienung auch das Rätsel der menschenleeren Straßen: Rund um die Kirche ist heute Weinfest, und ganz Uelzen trifft sich dort. Na, wenn das so ist, dann schauen wir da doch auch einmal vorbei. Es ist nicht weit, nur zweimal um die Ecke, dann sehen wir die Menschenmassen. Es ist wirklich sehr voll hier, kein Wunder, dass in dem Rest der Stadt nichts los ist. Wir schlendern an den verschiedenen Verkaufsständen vorbei, und genießen das laute Stimmengewirr um uns herum. Nach einem Tag auf dem Motorrad ist so ein „Bad in der Menge“ eine willkommene Abwechslung.

Danach gehen wir wieder in Richtung Jugendherberge. Viele Häuser hier sind nett anzusehen, es gibt kleine Geschäfte, und vor einem bleibe ich stehen, und sehe mir das Schild darüber genauer an:





Was ist denn ein „begehbarer Humidor“??? Schnell mal auf Wikipedia nachsehen:
„Ein Humidor (humidus: lat. „feucht“), Mehrzahl Humidore, ist ein aus Hölzern oder anderen Materialien gefertigter Behälter, in dem Zigarren gelagert werden…“

Ein begehbarer Behälter, in dem Zigarren gelagert werden? Ich bin zwar Nichtraucher, aber DAS hätte ich mir doch gerne einmal angesehen. Leider hat das Geschäft bereits geschlossen, sonst wäre ich da glatt mal hinein marschiert.

Wir gehen weiter, und finden dann den Abzweig zum Hauptbahnhof Uelzen.





Dieser ist besser bekannt als „Hundertwasserbahnhof“, denn niemand geringerer als der österreichische Künstler Friedensreich Hundertwasser hat dieses Schmuckstück entworfen. Und das ist ihm meiner Meinung nach auch gut gelungen. Sowohl außen auch als innen gefällt er mir wirklich gut.















Was ich allerdings nicht verstehe ist das Fotografierverbot innerhalb des Gebäudes. Wofür soll das gut sein?

Zurück an der Jugendherberge stehen wir an unseren Maschinen, und ich prüfe gerade, ob ich den Benzinhahn wirklich zugedreht habe, da hören wir Motorengeräusche. Und kurz darauf fahren drei Motorräder vor, und parken schräg gegenüber. Es sind die drei Motorradfahrer, die wir vorhin in der Gaststätte gesehen haben. Aber Moment mal: Hatten die nicht so einiges an Bier vertilgt? Und dann fahren sie noch Motorrad? Sie nicken uns kurz zu, fangen dann an, ihr Gepäck abzuladen. Markus spricht sie an, aber die Antworten sind einsilbig, uninteressiert. Immerhin erfahren wir, das sie eine Woche lang mit den Maschinen auf Fehmarn waren. Eine Woche Motorradurlaub auf Fehmarn? Äh, ja, das klingt interessant...?? Nun sind sie auf dem Heimweg. Wir halten nur einen kurzen Smalltalk, den mittlerweile ist es doch schon recht spät geworden. Für uns ist es die letzte Nacht auf unserer Tour, Morgen Abend schlafen wir bereits wieder in unserem Bett. Kurz beratschlagen wir noch, wie die Heimfahrt aussehen soll, und machen dann für heute das Licht aus…



Gefahrene Strecke: Burg auf Fehmarn -> Uelzen: 232 KM


Weblinks zum Tag:

Fehmarn
Fehmarnsundbrücke
Mölln
Till Eulenspiegel
Lauenburg
Schleuse Scharnebeck
Stadt Uelzen
Zum Alten Bürgerlichen Brauhaus Uelzen
Hundertwasserbahnhof Uelzen
JH Uelzen






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