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Geschichten & Bilder von unterwegs     

Motorradtour zum Nordkap

 Der Tag davor 

Es wird Zeit, dass es endlich losgeht. Höchste Zeit, nein, allerhöchste Zeit sogar. Ich weiß nicht, wie das bei anderen ist, aber wenn ich mich auf etwas freue, dann werde ich umso unruhiger, je näher der Tag "X" rückt. Es fällt mir dann schwer, mich zu konzentrieren. Alles andere nervt und stört, und in Gedanken bin ich eigentlich schon unterwegs.

Monate der Planung liegen hinter uns: Wann fahren wir? Wo soll es hingehen? Welche Fähren nehmen wir? Immer wieder haben wir uns getroffen, und Pläne geschmiedet. Aber jetzt ist es ja fast so weit: Das Sachen sind gepackt, das Motorrad gescheckt und vollgetankt. Beladen werde ich es Morgen früh, bevor wir starten. Um 8:00 Uhr treffen wir uns bei mir.

"Die Vorfreude ist die schönste Freude", so heißt es ja in einem Sprichwort. Ich finde das Quatsch. Bei mir ist die Freude dann am größten, wenn es endlich losgeht, und wir abfahren. Zwei Wochen Motorradurlaub in Schweden und Finnland liegen vor uns. Ohne feste Route, ohne bereits gebuchte Unterkunft. Wenn das Wetter mitspielt, wollen wir durch die finnische Seenplatte bis nach Rovaniemi am Polarkreis, dann Richtung Westen bis Jokkmokk in Schweden, und dort wieder gen Süden nach Göteborg. Aber das ist nur ein loses Gerüst, und keinesfalls eine zwingende Route. Lediglich die Fähren stehen fest: Zunächst Kiel -> Göteborg, dann Stockholm -> Turku, und zum Schluss Göteborg -> Kiel. Ansonsten können wir tun und lassen, was wir wollen.

Es wird Zeit, dass es endlich losgeht. Höchste Zeit, nein, allerhöchste Zeit sogar...

 Tag 1 

Halb sieben aufstehen, duschen, frühstücken, anschließend das Motorrad packen, so startet mein Tag bei herrlichem Wetter. Pünktlich um kurz vor acht steht Johannes bei mir vor der Tür, ich schiebe gerade meine Tenere aus der Garage. Sein breites Grinsen und das fröhliche "Moin!" zeigen mir, dass er sich genau wie ich darüber freut, dass es nun endlich losgeht. Kurz darauf fährt Markus vor, und auch der trägt dieses "Jetzt-geht's-los-Grinsen" im Gesicht. Ein kurzes, gegenseitiges begutachten der Motorräder, noch einmal eine knappe Zusammenfassung der Route des heutigen Tages, und dann verabschiede ich mich von Claudia und Nils (Nina ist bereits zur Schule). Aufsitzen, Motor anlassen und abfahren, wie immer mit einem merkwürdigen Gefühl in der Magengegend. Zwei Wochen ohne Familie - dieser Gedanke ist schon komisch. Aber bald schon beansprucht die Straße meine Aufmerksamkeit.

Über Land geht es bis auf die A43, dort fahren wir Richtung Münster. Von da an halten wir uns auf der A1 immer Richtung Norden. Ungefähr im Stundentakt machen wir Pause, ein Rhythmus, der sich bereits auf unserer letzten Tour bewährt hat. Die Autobahn ist sehr voll, viele LKW's sind unterwegs, dass fahren macht nicht besonders viel Spaß. Außerdem nimmt, je weiter wir nach Norden kommen, die Bewölkung zu. Wir schaffen es noch trocken durch den Elbtunnel, aber kurz danach geraten wir in einen Regenschauer. Die Wolken am Himmel sind ziemlich dunkel, aber zum Glück sehen sie bedrohlicher aus, als sie tatsächlich sind. Der Himmel klart wieder auf, und als wir gegen 14:30 Uhr den Schwedenkai in Kiel erreichen, haben sich die Wolken überwiegend verzogen, und die Sonne scheint uns auf die Helme. Nun heißt es warten.


Hafen von Kiel
Warten auf die Fähre in Kiel

Zu zweit machen wir jeweils kurze Abstecher in die nahe gelegene Fußgängerzone. McDonalds lockt genauso wie ein Supermarkt, in dem wir uns mit Verpflegung für den Abend eindecken.

Viele Motorradfahren sind nicht am Anleger. Eine Gruppe Finnen, die aber unter sich bleiben wollen und jeden Kontakt mit uns meiden. Und ein einzelner Fahrer aus der Nähe von Hannover. Er hat im Süden Schwedens ein Haus, in dem er mal wieder nach dem Rechten sehen will. Das war's dann auch schon fast. Ein finnisches Paar fährt noch mit seinen beiden Harleys vor. Sie verstauen die Maschinen in einen Van, vielleicht sparen sie auf diese Weise ja Fährgebühren.

Um 17:00 Uhr dürfen wir endlich auf das Schiff. Die Regel "Motorräder zuerst" gilt immer noch, und so sind wir bereits kurze Zeit später in unserer Kabine. Wir verstauen unsere Sachen, und gehen hinauf auf das "Sonnendeck". Mit etwas Brot, Minisalami, äpfeln, Erdnüssen und Dosenbier machen wir es uns dort bequem. Über den Bordlautsprecher erzählt jemand aus der Schiffscrew etwas von Windstärke sieben bis acht, aber das kümmert uns im Augenblick nicht. Zufrieden verdrücken wir unser Festmahl, genießen ein paar Sonnenstrahlen und die Skyline von Kiel :-) Als wir allerdings ablegen und den Hafen verlassen, wird es doch recht schnell kalt hier oben und wir suchen uns unter Deck eine Sitzgelegenheit mit einem Tisch. Dort breiten wir eine Karte für das südliche Schweden aus, und planen die Tour für den nächsten Tag. Wir haben nur einen Zwischenstopp fest eingeplant: Das Industriemuseum von Husqvarna. Und so suchen wir uns eine interessante Route dorthin, telefonieren anschließend noch kurz mit zu Hause, und liegen dann um kurz nach 22:00 Uhr in unseren Kojen.

 Tag 2 

Oh man, ich hasse das: Ich habe Urlaub, und muss trotzdem früh aufstehen. Um halb sieben klingelt der Wecker und ich quäle mich aus dem Bett. Johannes und Markus sind um diese Zeit schon wesentlich frischer als ich, irgendwie beneidenswert.

Um sieben Uhr gibt es Frühstück, und das nutzen wir ausgiebig. Draußen scheint die Sonne, aber es ist sehr windig. Sogar unser doch recht großes Schiff schaukelt hin und her. Uns fällt die Durchsage von gestern Abend wieder ein bezüglich der Windstärke sieben bis acht. Nun bekommt das ganze einen Sinn. Manch einer der Gäste hier im Frühstücksraum balanciert sein Tablett auf recht abenteuerliche Art und Weise. Aber alles geht gut, niemand verliert das Gleichgewicht, und so fahren wir durch die Schären auf Göteborg zu.


Durch die Schären nach Göteborg
Durch die Schären nach Göteborg

Nach einem langen Frühstück packen wir unsere Sachen, machen eine kurze Stippvisite an Deck, dann geht es auch schon hinunter in den Bauch des Schiffes auf das Autodeck. Wir beladen die Maschinen und rollen kurz darauf die Rampe hinunter auf das schwedische Festland. Brav reihen wir uns in die lange Schlange der Autofahrer ein, und warten geduldig, dass man uns durch die schmale Ausfahrt fahren lässt. Hinter uns stehen zwei PKW, dahinter sind zwei Motorradfahrer aus Holland. Die müssen gestern noch spät gekommen sein, wir hatten sie am Anlieger nicht gesehen. Plötzlich dreht der eine der beiden am Gashahn, und fährt recht schnell auf eine Mauer ganz in der Nähe zu. Dort springt er von der Maschine, reißt den Helm von Kopf und übergibt sich mehrmals. Schwer zu sagen, ob er gestern zu viel getrunken hat, oder der Seegang ihm nicht bekommen ist, auf jeden Fall gibt der arme Kerl eine recht jämmerliche Figur ab. Und so wird "den Holländer machen" in den nächsten Tagen unser running Gag. Immer, wenn einer beim Essen richtig zulangt oder mehr als zwei Dosen Bier trinkt, bekommt er von den anderen zu hören "Pass auf, das Dir nicht schlecht wird. Sonst machst Du noch den Holländer". So bleibt uns diese Episode am Göteborger Hafen in lebhafter Erinnerung.

Recht zügig verlassen wir die Großstadt, und fahren dabei eine Zeit lang noch mit dem Hannoveraner von gestern zusammen. Solange, bis wir schließlich Richtung Osten abbiegen, und er geradeaus weiter nach Norden fährt. Ein kurzes Winken, dann ist er auch schon verschwunden. Gute Fahrt, Kollege!

Wir folgten kurz der Autobahn 40, genauer gesagt bis Boras. Von da an fahren wir über Landstraßen bis Husqvarna. Dort besichtigen wir das Fabrikmuseum.


Zufahrt zum Husqvarna-Museum
Zufahrt zum Husqvarna-Museum

Hier wird alles ausgestellt, was diese Firma herstellt oder jemals hergestellt hat. Es beginnt mit Waffen aus dem 16. Jahrhundert, über antike Küchenherde und Nähmaschinen is zu Fahrräder und Rasenmäher. Und natürlich Motorräder. Sie bildet den größten Teil der Ausstellung. Liebevoll restaurierte Stücke stehen dicht beieinander, viele Fotos und auch Videofilme erzählen die Geschichte der verschiedenen Typen. Hier kann man sich schon eine ganze Zeit lang beschäftigen. Fast zwei Stunden lang laufen wir durch das Museum. Zurzeit dreht der NDR hier eine Reportage über die Kettensäge. Gleich mehrmals setzt die Reporterin zu ihren Text an: "Die Kettensäge hat Geburtstag. Wir befinden uns hier in Husqvarna, einen kleinen Ort am Fuße des Vätternsee, in Smaland, Schweden". Immer wieder muss sie sich allerdings unterbrechen: Mal stimmt das Licht nicht, dann wieder räuspert sich der Interviewpartner. Ja ja, so ein Fernsehreporter hat es nicht leicht.


Im Husqvarna-Museum
Im Husqvarna-Museum

Im Husqvarna-Museum
Im Husqvarna-Museum

Im Husqvarna-Museum
Im Husqvarna-Museum

Wir setzen unsere Fahrt fort. Richtung Norden geht es, dem Vätternsee entlang über Gränna, ödeshög bis nach Motala. Kurz bevor wir die Stadt erreichen, entdecken wir einen schön gelegenen Campingplatz direkt am See. Hier könnte es uns schon gefallen, und so fragen wir nach, ob noch Hütten frei sind, und was sie kosten. 600,- schwedische Kronen will man dort haben, für eine Hütte ohne Toilette und WC. Johannes bringt es auf den Punkt: "to expensive", das ist uns zu teuer, sagt er der guten Frau seine Meinung, der Markus und ich uns uneingeschränkt anschließen. Also fahren wir weiter. Die Quittung für diese Entscheidung erhalten wir prompt: Zwischen Motala und Linköping bekommen wir einen mächtigen Schauer ab.



"Schöne" Aussicht

Der Himmel ist tiefschwarz, der Wind peitscht den Regen fast senkrecht durch die Luft und bevor wir vollkommen durchnässt sind, "retten" wir uns zu einer Tankstelle und trinken dort einen Cappuccino. Bisher haben wir keinen weiteren Hinweis auf eine Hütte gesehen, daher fragen wir den Tankwart, ob er hier in der Nähe etwas kennt. Der verweist uns auf ein "Vandrarhem", eine Jugendherberge. Kurz überdenken wir diese Option, entschließen uns dann aber dagegen. Wir wollen lieber eine Hütte mieten. Als der Regen schließlich nachlässt, riskieren wir es und fahren weiter. Nach wenigen Minuten hat uns der Niederschlag aber wieder ein. Ich fluche, hadere mit mir, dass wir nicht in der Jugendherberge abgestiegen sind. Dann, bei Borensberg, endlich ein Schild "Camping", daneben das Zeichen für Hütten. Wir folgen dem Wegweiser und stehen kurz darauf auf dem Campingplatz "Starndbadets Camping", einem Platz direkt an einem kleinen See gelegen. Die Hütten sind nichts besonderes, kosten inklusive Dusche und WC 550,- Kronen. Lange überlegen wir nicht und keine fünf Minuten später sind wir in der warmen Hütte, ziehen die nassen Sachen aus, setzen Teewasser auf und sehen uns den Wetterbericht im Fernseher an. Es ist zum verzweifeln: in ganz Skandinavien herrscht schönes Wetter, nur zwischen Göteborg und Stockholm bringt ein schmales Wolkenband ergiebige Regenfälle. Na super! Wenigstens ist die Vorhersage für Morgen richtig gut. Viel Sonne und leicht steigende Temperaturen machen uns Hoffnung auf einen schönen Tag. Morgen wollen wir uns die Schleusentreppe des Götakanal in Berg ansehen, und anschließend über Nebenstraßen bis Stockholm fahren. Zum Abschluss des Tages, als der Regen sich verabschiedet hat, machen wir noch einen kleinen Spaziergang über den Campingplatz, und laufen auch ein Stück am See entlang. Die Wolken verschwinden zusehends, und machen uns Hoffnung auf schöneres Wetter Morgen.

 Tag 3 

Jaaah! Genau so soll ein Tag beginnen: Der Himmel ist tiefblau, die Vögel machen bereits einen ziemlichen Krach, und die Sonne trocknet das feuchte Gras. Wenn es bloß nicht erst kurz vor sieben Uhr in der Früh wäre... Ich weiß nicht, warum man im Urlaub so früh aufstehen muss, aber für meine beiden Reisepartner scheint das die absolute Erfüllung zu sein :-( Seufzend beuge ich mich der Mehrheit. Kurze Zeit später kocht bereits das Teewasser, und wir sitzen am Frühstückstisch. Eigentlich haben die beiden ja Recht: Wir sollten das schöne Wetter nutzen. Wer weiß, wie lange es so bleibt.

Unser heutiges Etappenziel ist Stockholm. Um 19:00 Uhr fährt die Fähre hinüber nach Turku / Finnland. Auf dem Weg dorthin wollen wir ein Stück am Götakanal entlang fahren, uns im Städtchen Berg die Schleusentreppe ansehen, und ansonsten auf kleinen, möglichst kurvigen Straßen unserem Ziel entgegen steuern. Unsere Sachen sind von gestern noch nicht ganz trocken, aber das wird unterwegs der Fahrtwind übernehmen.

Gegen halb zehn fahren wir los. Unsere Fahrt geht durch Borensberg, wo sich bereits der Götakanal befindet, und auch das bekannte "Göta-Hotel" steht. Wir folgen dem Kanal, mal in unmittelbarer Nähe, mal auch nur in Sichtweite, immer weiter Richtung Osten. In Berg schließlich stellen wir unsere Maschinen auf einem Parkplatz ab, und sehen uns die Schleusen an.


Die Schleusentreppe von Berg
Die Schleusentreppe von Berg

Die Schleusentreppe von Berg
Die Schleusentreppe von Berg

Das hier ist die größte Schleusentreppe des Götakanals, mehrere Schleusen hintereinander sind für die Schiffe zu durchfahren, um den Höhenunterschied zum See "Roxen" zu überwinden. Leider haben wir diesmal kein Glück. Da ist zwar ein Schiff, aber das verlässt gerade die letzte Schleuse. Trotzdem erkennen wir, dass es hier sehr eng zugeht. Die Schiffe sind extra für diesen Kanal hergestellt worden, an den Schleusen sind rechts und links zumeist nur wenige Zentimeter Platz, also muss der Kapitän voll konzentriert sein, damit er nicht die Wände rammt. Da es an den Schleusen nur sehr langsam vorangeht, haben die Passagiere die Wahl: Entweder sie bleiben auf dem Schiff, oder sie springen hinüber an Land, und laufen neben dem Schiff her. Bei den vielen Schleusen hier können sie problemlos beides machen.

Mitten in unsere Besichtigung wird es auf einmal laut am Himmel: Ein Kunstflieger hat sich den Luftraum über dem Städtchen Berg als übungsplatz ausgesucht. Respektvoll sehen wir ihm dabei zu, wie er immer und immer wieder seine Schleifen und Loopings in der Luft dreht, und schließlich, nach rund zwanzig Minuten wieder verschwindet.

Bald darauf verschwinden auch wir von hier, und fahren weiter Richtung Stockholm. Und sind schneller da, als gedacht. Die Straße wird voller, der Verkehr immer zähflüssiger - keine Frage, wir nähern uns der Hauptstadt Schwedens. Leider kennen wir uns dort überhaupt nicht aus, sehr gerne hätten wir uns nämlich das Vasa-Museum angesehen. Dieses zeigt im Wesentlichen das vollständig erhaltene und 1628 auf seiner Jungfernfahrt gesunkene Kriegsschiff Vasa und dessen Geschichte. Es soll das meist besuchte Museum in Skandinavien sein, und wäre sicher einen Abstecher wert gewesen (http://www.vasamuseet.se). Aber so stehen wir, nach einer Fahrt durch das Stockholmer Tunnelsystem, gegen 15:00 Uhr bereits am Anleger der Vicking-Line, und warten darauf, dass man uns an Bord lässt. Obwohl es noch recht früh ist, sind wir nicht die ersten: Zwei Finnen sind bereits da, sie kommen aus der Stadt Pori an der Westküste. Von da aus sind sie in zwei Tagen bis nach Italien gefahren, und haben dort Urlaub gemacht. Auf dem Rückweg ist dem einem in Frankreich an seiner Harley der Rahmen gebrochen. Daher fahren sie jetzt mit nur einer Maschine nach Hause. In rund 14 Tagen will der Unglücksrabe dann wieder nach Frankreich fliegen, und sein Motorrad abholen. Apropos Harley: An diesem Wochenende ist ein Harley-Treffen in Finnland. Und so treffen nach und nach immer mehr Harleyfahrer hier ein. Wir kommen mit einigen Schweizern ins Gespräch. Bis Hamburg sind sie mit dem Autoreisezug gefahren, dann über die Vogelfluglinie bis hierher nach Stockholm. Eigentlich eine recht lustige Truppe. Allerdings kippen sie sich hier an der Fähre ein Bier nach dem anderen in den Hals. Ich hoffe, sie schaffen es gleich noch bis auf das Schiff.


Warten auf die Fähre in Stockholm
Warten auf die Fähre in Stockholm

Als wir schließlich einchecken dürfen, bekomme ich einen Zettel mit dem Aufdruck "Åbo" in die Hand gedrückt. Abo, was für ein Abo? Ich will überhaupt kein Abo! Aber bevor ich anfange zu protestieren, wird mir zum Glück gerade noch klar, dass die Stadt Turku, unser Ziel in Finnland, auf Finnisch Åbo heißt. So halte ich meine Klappe, und schaue lieber zu, ob es die mittlerweile recht bierseligen Harleyfahrer auf das Schiff schaffen. Aber meine Befürchtungen waren überflüssig, ohne Probleme fahren alle hinauf. Einer von ihnen hilft mir schließlich sogar noch, meine Tenere zu befestigen. Da sage noch mal einer, alle Piloten von Harleys wären arrogant.

Wir haben die überfahrt ohne Verpflegung gebucht, und so decken wir uns im Duty-Free-Shop noch kurz mit Erdnüssen und Dosenbier ein, und gehen dann hinauf an Deck. Dort genießen wir die bereits tief stehende Sonne und die Fahrt durch die Schären. Dabei wagen wir auch schon einen Ausblick auf die Tour im nächstem Jahr: Wo soll es hingehen? Vielleicht nach Irland oder Schottland? Oder mal in den Süden? Oder doch wieder nach Skandinavien? Mitten in unsere Diskussion zeigt Markus plötzlich nach oben zum Himmel. Die Kondensstreifen zweier Flugzeuge haben sich überkreuzt, und alle drei fangen wir gleichzeitig an zu lachen. Die Tour 2010 dürfte dank dieses Himmelszeichen geklärt sein: Es wird wohl nach Schottland gehen... :-)



Schottland wir kommen... ;-)

Überfahrt von Stockholm nach Turku
Abends an Deck

Später, als es uns oben an Deck zu kalt wird, setzen wir uns unten in einen Aufenthaltsraum, und genießen nehmen noch ein Kaltgetränk zu uns. Dort spricht uns auch ein älterer Mann an. Zunächst auf Finnisch, dann, als er merkt, wir kommen aus Deutschland, spricht er Deutsch mit uns. Er erzählt, dass er in der Schule ab der zweiten Klasse Deutsch als erste Fremdsprache gelernt hat. Erst in der sechsten Klasse kam Englisch als zweite Sprache hinzu. Grammatisch einwandfrei und mit nur einem kleinen Akzent verblüfft uns der gute Mann mit seinen Sprachkenntnissen. Als wir ihn nach den wichtigsten Sehenswürdigkeiten in Finnland fragen, nach Orten, die man als Tourist unbedingt gesehen haben muss, nennt er uns zwei Dinge, die wir selber auch tatsächlich auf unserer Besichtigungsliste haben: Die Burg "Olavlinna" in Savonlinna, und die Kirche von Kerimäki. Als er sich nach rund zwanzig Minuten verabschiedet, können wir ihm mit gutem Gewissen versichern, dass er ein wirklich tolles Deutsch spricht, und wir ihn ohne Probleme verstanden haben. Sichtlich stolz verabschiedet er sich.

Auch für uns wird es nun Zeit, in die Kojen zu kommen. Heute Nacht gegen 3:20 Uhr macht das Schiff einen Stopp in Marienhamn auf den Ålandinseln, und kurz überlege ich, aufzustehen, und mir das anzusehen. Aber dann siegt die Bequemlichkeit. Außerdem: Es wird sowieso nur der Hafen zu sehen sein, und so interessant ist das nun auch wieder nicht.

 Tag 4 

The same procedure as every morning... Wir stehen früh auf, und ich fluche vor mich hin. Ich habe Urlaub, warum kann ich nicht mal bis zehn Uhr schlafen? Oder wenigstens bis neun. OK, ich sehe es ein, heute sind wir auf der Fähre und um 7:30 Uhr erreichen wir Turku. Da muss ich wohl früh raus. Aber Morgen!

Kurz gehen wir nach oben an Deck, um zu sehen, wie uns Finnland empfängt. Es ist sonnig, und der Himmel grüßt uns mit einem strahlenden blau. Und auch hier gibt es jede Menge Schären. Schier unzählig sind sie, die vielen kleinen und großen Inseln. Sie bilden ein verwirrendes, gleichzeitig aber auch faszinierendes Labyrinth. Im Zickzackkurs fährt unser Schiff hier durch. Auf manchen stehen Sommerhäuser, und ich frage mich, wie und wie lange die Besitzer hierher wohl anreisen.


Ankunft in Turku
Ankunft in Turku

Nicht lange stehen wir hier oben in der Sonne, bald geht es hinunter zu den Motorrädern. Hier müssen wir ausnahmsweise einmal warten, bis die Autos das Schiff verlassen haben. Den Harleyfahrern fällt das Warten wirklich schwer. Sie starten sofort ihre Maschinen, und das ohrenbetäubende Dröhnen der Motoren erfüllt das ganze Autodeck. Man muss ja kein Freund dieser Motorradmarke sein, aber den Klang der Maschinen finde ich wirklich Klasse. Endlich dürfen auch wir fahren, hinunter vom Schiff, vorbei an den grimmig drein blickenden Zollbeamten, und hinein nach Finnland. Wir suchen uns direkt den Weg hinaus aus der Stadt, nach Nordosten, Richtung Forssa und Hämeenlinna. An der ersten Tankstelle, an der wir vorbei kommen, halten wir an. Hier gibt es einen kleinen Bistro. Wir kaufen uns Brötchen und Kakao, setzen uns in die Sonne, und lassen es uns schmecken. Viel los ist hier noch nicht, und auch wir lassen es ruhig angehen.

Nach dem Frühstück fahren wir ganz entspannt weiter, unterbrechen die Tour wie immer ungefähr im Stundenrythmus. Plötzlich aber doch so etwas wie Aufregung: Entgegen kommende Fahrzeuge warnen uns mit der Lichthupe. Was ist da los, wird etwa geblitzt? Wir reduzieren die Geschwindigkeit und halten unsere Augen offen. Dann die Erklärung für die Warnungen: Ein Pferd läuft frei am Straßenrand auf und ab. Es will wohl die Fahrbahn überqueren, traut sich wegen der Fahrzeuge anscheinend aber nicht. Langsam rollen wir an dem Tier vorbei, immer bremsbereit, in der Hoffnung, dass es nicht direkt vor uns auf die Straße springt. Aber alles geht gut, und bald darauf sind wir wieder in unseren alten Trott.

Die Straßen hier sind eher langweilig. Viel geradeaus, kaum Kurven, rechts und links Bäume, keine Fernsicht - das fahren ist eintönig und ermüdend. Umso wichtiger sind die Pausen. Meist biegen wir kurz von der Straße ab und nach ein paar Metern Asphalt beginnt dann fast immer eine Schotterpiste, die in den Wald führt.


Pause am Wegesrand
Pause am Wegesrand

So vergeht der Tag, bei strahlend blauem Himmel und sommerlichen Temperaturen. Am frühen Nachmittag beginnen wir, eine Hütte zu suchen. Der erste Campingplatz, den wir ansteuern, hat noch geschlossen. Das war auch schon gestern in Schweden so, dass einige Platze erst im Juni öffnen. Beim zweiten Versuch werden wir dann allerdings fündig: Der Platz bei Rokansalo, Gemeinde Puumala, ist offen, und es gibt Hütten für 50,- Euro pro Nacht. Wir sehen sie uns an und beschließen, hier zu bleiben.


Unsere Hütte in Rokansalo
Wir übernachten in Rokansalo

Während Johannes und Markus die Motorräder abladen, fahre ich zurück zur Anmeldung, um die üblichen Formalitäten zu erledigen. Dabei komme ich mit der Frau ins Gespräch, die den Platz hier führt. Und lerne dabei meine ersten finnischen Worte: Moi heißt "Hallo", moi moi sagt man hier für "tschüss", und mökki bedeutet "Hütte". Sie hat mit ihrer Aufgabe als Lehrerin sichtlich Spaß, und schreibt mir die Wörter sogar noch auf ein Blatt Papier. Mitten in unsere "Unterrichtsstunde" klingelt dann aber leider das Telefon, und die gute Frau hat keine Zeit mehr für mich. Schade, sie hätte mir bestimmt noch einige Wörter beigebracht. Auf dem Weg zurück zur Hütte überlege ich dann, dass ich auf dem nächsten Campingplatz auch wieder ein paar Wörter lernen könnte. Das für "Bier" zum Beispiel wäre bestimmt nicht verkehrt...

Gegenüber unserer Hütte ist eine Wiese für die Zelt-Camper, und dort haben es sich unter anderem auch einige Russen bequem gemacht. Tische und Bänke sind zusammengestellt, der Wodka fließt bereits in Strömen, und einige von ihnen sehen auch schon ziemlich angeschlagen aus. Wir hingegen inspizieren zunächst mal den Campingplatz, der (natürlich) direkt an einem See liegt. Viel los ist hier noch nicht, außer uns und den Russen sind nur wenige Gäste da. Am Wasser ist ein kleiner Holzsteg, wir setzen uns dort hin und genießen die Sonne. Oben an der Hütte gab es einige Mücken, direkt am Wasser hingegen weht ein leichter Wind, und so haben wir hier eine mückenfreie Zone. Später setzen wir uns an einem der ausgewiesenen Grillplätze. Wir haben uns unterwegs in einem Supermarkt Fleisch und Würstchen besorgt, und das ist heute unser Abendessen. Gerade als wir fertig sind, kommt eine junge finnische Familie mit zwei kleinen Kindern dazu. Leider scheitert die Kommunikation an der Sprache. Die Finnen sprechen weder Deutsch noch Englisch, wir hingegen können kein Finnisch. So bleibt es bei einem freundlichen moi moi zum Abschied.


Grillen am See
Grillen am See

Die Russen sitzen noch immer an ihrem Tisch, der übersät ist von leeren und vollen Wodka- und Orangensaftflaschen, Zigarettenpackungen und Essensresten. Mittendrin steht in einer Getränkepfütze eine Spiegelreflex-Digitalkamera von Canon. Sie scheinen eine Menge Spaß zu haben, denn es wird viel gelacht. Unweit von ihnen baut gerade ein Fahrradfahrer sein Zelt auf. Hinter seinem Bike zieht er noch einen Anhänger hinter sich her. Er ist auf dem Weg von Deutschland zum Nordkap. Von dort fährt er dann mit den Hurtigrouten zurück bis Südnorwegen, von da aus mit dem Fahrrad weiter nach Hause. Rund ein halbes Jahr hat er sich dafür freigenommen. Nicht zum ersten Mal frage ich mich: Wie machen diese Leute das ???

Wir gehen zurück zu unserem mökki. Die Russen haben mittlerweile den See für sich entdeckt und springen mit viel Geschrei in das noch bitterkalte Wasser. Wir befürchten für die Nacht schon das schlimmste, und stellen uns auf lautes Singen und Grölen ein. Mit der Straßenkarte in der Hand gehen auch wir anschließend hinunter zum See. Dort auf dem Holzsteg breiten wir die Karte aus und besprechen die Tour für den nächsten Tag. Laut Wetterbericht soll es Morgen zwar etwas kälter werden, dabei aber trocken bleiben.



Blick auf "unseren" See

Zurück an unserer Hütte schwirren dort auf der Terrasse zwar einige Mücken herum, doch wir schließen schnell die Tür. Innen ist es Mückenfrei, und auch die Russen sind wider Erwarten sehr leise. Noch eine letzte Tasse Tee, dann wird es auch in unserer Hütte ruhig.

 Tag 5 

Oh Mann, was ist das für ein Radau in unserer Hütte? Verdammt, Johannes und Markus unterhalten sich bereits. Ein Blick auf meiner Uhr zeigt kurz nach sieben. Ich fasse es einfach nicht: Wie kann man im Urlaub nur immer so früh wach sein? Ich glaube, ich muss für die nächste Motorradtour die Wahl meiner Begleiter doch noch einmal überdenken ...

Ich quäle mich langsam aus dem Bett. Wider erwarten habe ich keinen einzigen Mückenstich. Ich schnappe mir Handtuch und Kulturbeutel und mache mich auf den Weg zum Waschhaus. Dabei komme ich auch an den Russen vorbei. Zum Teil liegen sie nur im Schlafsack draußen auf dem Boden herum. Aber bei den Mengen Wodka, die sie gestern vernichtet haben, merken die bestimmt sowieso kaum etwas von dem harten Untergrund oder der Kälte. Dabei ist es um einiges kälter als gestern Morgen um diese Zeit. Der deutsche Fahrradfahrer, der zum Nordkap will, hat seine Sachen bereits gepackt, und will gerade losfahren, ich wünsche ihm noch eine gute Fahrt. Meinen Respekt hat er, der gute Mann.

Für uns Motorradfahrer beginnt der Morgen wie immer: Frühstücken, Sachen packen, das Motorrad beladen, ein letzter Blick in die Hütte, ob wir auch nichts vergessen haben, dann geht es los. Die ersten Kilometer machen richtig Spaß: Wir folgen der "434" und finden eine Kurve nach der anderen. So macht das fahren Spaß. Leider dauert unser Freude nicht allzu lang. Als wir auf die "435" abbiegen, haben wir sofort wieder das gleiche Bild wie gestern: Schnurgerade Straßen, hin und wieder mal ein kleiner Hügel, das war's.


Typische Straße in Finnland
Straßenalltag in Finnland

Immerhin unterbrechen wir die Fahrt schon nach recht kurzer Zeit. In dem örtchen Savonlinna sehen wir uns die Burg Olavinlinna an, die als die am besten erhaltene Festungsanlage Finnlands gilt.


 Burg Olavinlinna
Burg Olavinlinna

Markus hat den richtigen Riecher, und bleibt gleich auf dem Parkplatz bei den Motorrädern zurück. Johannes und ich wollen uns das innere der Burg ansehen, wobei ich Recht schnell die Lust am besichtigen verliere. Es ist halt das übliche: ein paar Kanonen, ein paar Rüstungen, ein Modell der ganzen Burg... nichts besonderes, zumindest meiner Meinung nach. Also leiste ich schon bald wieder Markus Gesellschaft, der es sich auf eine Bank am Rande des Parkplatzes bequem gemacht hat. Nur Johannes lässt sich Zeit. Gerade, als wir nach schauen wollen, ob er vielleicht ins Burgverlies gefallen ist, taucht er endlich auf. Noch ein paar Außenaufnahmen von der Burg, dann fahren wir weiter.

Es ist sehr warm. Wir fahren weiter in Nord-östlicher Richtung auf Russland zu. In Ilomantis biegen wir ab auf die 522. Diese "Straße der Runen und Grenzen" soll landschaftlich sehr schön sein. Zumindest haben wir hier endlich mal ein wenig Fernsicht. Wir machen Pause an einem Platzt, an dem neben einer Gedenktafel auch alte Geschütze stehen. Wenn wir den Text richtig verstehen, hat hier eine kleine finnische Armee den übermächtigen Gegner aus dem Osten eine ruhmreiche Schlacht geliefert - zum Glück sind diese Zeiten lange vorbei!


Auf der 'Straße der Runen und Grenzen'
Auf der "Straße der Runen und Grenzen"

Wir fahren die 522 weiter, aber kurz hinter Hattuvaaraa erwartet uns eine Überraschung: Die bis dahin gut ausgebaute Straße wird übergangslos zur Schotterpiste. Rund 25 Km mühe ich mich mit dem losen Untergrund ab, während Johannes und Markus richtig Spaß haben. Als dann endlich wieder der Asphalt beginnt, sind die Schlaglöcher so groß, das ich befürchte, fast ganz darin zu versinken, wenn ich nicht aufpasse.


Schotterpiste
Schotterpiste

Schotterpiste
Schotterpiste

In Lieksa wechseln wir auf die 73, und halten nach einem Campingplatz Ausschau. Gleich am Rande der Stadt werden wir fündig. Ein recht großer Platz ist das, allerdings ist er noch so gut wie leer. Wir stehen vor dem Anmelde-Häuschen, da kommt auch schon ein Mann aus einem Nebenweg auf uns zu. Er sieht ein wenig aus wie Asterix aus den Comicbüchern.
"You need a cabin?" fragt er uns auf Englisch. Wir antworten ebenso:
"Yes, one cabin for three people for one night". Der Mann nickt.
"No problem, 68 Euro" sagte er. Wir zucken zusammen.
"68 Euro" sage ich auf Deutsch, "das ist aber teuer". Der Mann zeigt auf das Motorrad von Johannes, und erwidert ebenfalls auf Deutsch: "Teuer? Das da ist teuer". Erstaunt blicken wir uns an: Asterix kann ja deutsch! Johannes und Markus führen das weitere Gespräch. Sie lassen sich von dem Platzwart die Hütte zeigen, verhandeln noch ein wenig, und schließlich bekommen wir das mökki für 50,- Euro. Nicht schlecht, oder?


Hütte auf dem Campingplatz in Lieksa
Hütte auf dem Campingplatz in Lieksa

Wir beziehen die kleine Holzhütte, Markus und Johannes fahren nach Lieksa zum einkaufen, anschließend kochen wir uns etwas zu Essen, und machen dann einen Spaziergang über den Platz. Natürlich gibt es auch hier einen See. Dort setzen wir uns hin, trinken ein Bier (finnisch = Olut) und sprechen über die nächsten Tage. Das Wetter macht uns etwas Sorgen. Von Süden her zieht ein kräftiges Tief Richtung Norden. Wir könnten versuchen, davor her zu fahren und hoffen, dass es sich hinter uns auflöst. Außerdem nehmen wir uns vor, vorsichtiger mit unserer Unterhaltung auf Deutsch zu sein. Hier sprechen so viele Finnen unsere Sprache, dass man aufpassen muss, nicht mal etwas falsches zu sagen. Morgen geht es weiter Richtung Norden. Rovaniemi am Polarkreis ist unser Ziel. Dort wollen wir uns eine Unterkunft suchen, und den weiteren Verlauf der Tour besprechen.

 Tag 6 

Mal wieder ist es meiner Meinung nach viel zu früh, als meine beiden Reisepartner aufstehen. Ich drehe mich noch einmal um. 'Schließlich habe ich heute Geburtstag' denke ich bei mir, 'da darf ich ja wohl etwas länger liegen bleiben'. Es ist mir klar, dass die beiden nicht an meinen Feiertag denken. Das allerdings übernehmen dafür andere: Schon mehrere SMS habe ich bekommen, die erste um 00:01 Uhr von meiner Familie. Ein wenig Heimweh bekomme ich dadurch schon und bevor ich mir zu viel Gedanken mache, stehe ich dann doch auf. Als erstes geht es unter die Dusche und als ich aus dem Bad komme, wartet doch eine Überraschung auf mich:


'Geburtstagstorte'
"Geburtstagstorte"

Eine kleine Rolle Biskuit steht auf dem Tisch, eine brennende Kerze ist darauf, und Johannes und Markus stimmen ein "Happy Birthday" an. Na ja, es ist mehr ein Brummen wie weiland vom Don-Kosaken-Chor, aber seien wir mal ehrlich: Der Wille zählt doch, oder? Ich jedenfalls finde es Klasse!

Die Sonne scheint, aber das schöne Wetter täuscht: Als wir die Motorräder packen, merken wir, dass es recht kalt ist. Als wir dann abfahren, wird mir schnell klar, dass ich ziemlich friere. Beim ersten Stopp ziehe ich mir noch eine Jogginghose und einen Pullover unter den Gore-Tex Anzug, dann geht es. So fahren wir Kilometer um Kilometer, die Heizgriffe habe ich schon längst an. Die Bewölkung nimmt zu, es sieht nach Regen aus. Auch die Fernsicht nimmt jetzt zu, die Bäume werden kürzer und dünner. Es bleibt zum Glück trocken, aber es wird sehr windig.

Am späten Mittag erreichen wir Rovaniemi, die Stadt am Polarkreis. Hier wollen wir das Weihnachtsdorf besuchen. Es ist eine recht große Anlage, die hier aufgebaut ist. Wir besichtigen das Wohnzimmer des Weihnachtsmanns, balancieren auf dem Strich, der den Polarkreis symbolisiert, besuchen das Postbüro und den Souvenirladen, und sind uns anschließend einig: Was für ein Kitsch! Sicher liegt es auch daran, in Juni, bei strahlenden Sonnenschein und mittlerweile auch angenehmen Temperaturen ständig "we wish you a merry christmas" vorgeduddelt zu bekommen. So wird dieser Halt zu einem reinen Pflichtstopp, und schon bald sind wir wieder on the road.


Das Haus vom Weihnachtsmann in Rovaniemi
Das Haus vom Weihnachtsmann

Wohnzimmer vom Weihnachtsmann
Wohnzimmer vom Weihnachtsmann

Wegweiser am Polarkreis
Wegweiser am Polarkreis

Polarkreislinie in Rovaniemi
Polarkreislinie


Es ist fast fünf Uhr und wir brauchen noch eine Hütte. Der erste Campingplatz, den wir ansteuern, hat zu. Beim zweiten wirft der Besitzer einen Blick auf uns und unsere Maschinen und behauptet dann, es ist alles ausgebucht. Wer's glaubt wird selig, kann ich da nur sagen. Endlich, es ist schon fast halb acht, haben wir Erfolg: An einem kleinen See bekommen wir eine wunderschöne Hütte, top eingerichtet, mit separaten Schlafraum. Sie kostet zwar 73,- Euro, aber wir fühlen uns hier sehr wohl. In der Infomappe, die im Haus ausliegt, steht, dass diese Hütten auch im Winter vermietet werden. Von hier aus werden dann Fahrten mit dem Snowmobil und dem Hundeschlitten veranstaltet. Wer Interesse hat, kann sich hier informieren: www.korvala.fi.


Hütte am See
Unser Haus am See

Nach dem Abendessen und dem obligatorischen Spaziergang entlang des Sees folgt die Diskussion: Wie fahren wir weiter? Eigentlich war es geplant, dass hier der nördlichste Punkt unserer Tour ist. Nun sollte es Richtung Schweden und wieder südlich weitergehen. Allerdings sind die Wettervorhersagen für diese Richtung sehr schlecht. Es ist Dauerregen angesagt, sowohl in Finnland als auch in Schweden. Selbst in Norwegen soll es nicht besser sein. Nach langer Diskussion dann die Entscheidung: Wir fahren weiter, wollen zum Nordkap. Dort oben ganz im Norden soll das Wetter noch trocken sein und bleiben. Wir hoffen, dass es wirklich so ist, und sich die Schlechtwetterfront bis zu unserer Rückfahrt aufgelöst hat. Morgen wollen wir möglichst weit fahren, und dann eine Hütte für zwei Tage mieten. Übermorgen soll es dann als "Tagesausflug" zum Nordkap gehen.


Abendstimmung am See
Abendstimmung am See

 Tag 7 

Als der Wecker klingelt, ist es 6:30 Uhr. Warum tue ich mir das eigentlich an? Ich habe Urlaub! Das bedeutet ausschlafen! Laut brummend lasse ich meinen Unmut freien Lauf, aber das interessiert hier niemanden. Kurz darauf kocht das Teewasser, der Tisch ist gedeckt, und ein Blick aus dem Fenster zeigt schönes Wetter. Ich habe geduscht, und sitze halbwegs zufrieden am Tisch. Wenigstens komme wir auf diese Weise früh los.

Richtung Norden geht es, na klar. Wir wollen zum Inari See, und folgen dafür der E75. In Ivola an der Südspitze des Sees zeigt ein Thermometer 12º C an. Und an einem Kreisverkehr gibt es nach rechts eine Abzweigung nach Murmansk: schlappe 303 Kilometer sind es bis dahin. Wir allerdings fahren weiter geradeaus und treffen kurz darauf in Inari ein, der Stadt, die dem See den Namen gab. Viel los ist hier nicht. Kurz hinter dem Ortseingangsschild halten wir an einem Supermarkt. Dort kaufen wir ein paar Sachen für die nächsten beiden Tage ein. Danach einmal kurz am Gashahn gedreht, und schon sind wir wieder raus aus der Stadt.


Am  Inari See
Am Inari See

Am  Inari See
Am Inari See

Wir setzen unseren Weg fort, und halten kurz darauf an einem "Grilli" an. Ich würde das mal ganz frei mit "Pommesbude" übersetzen und es ist in kurzer Zeit mein Lieblingswort auf Finnisch geworden. Wir sitzen in der Sonne, und essen uns satt. Leider zieht sich der Himmel langsam aber sicher zu. Wir hoffen, das es zumindest trocken bleibt. Was ebenfalls zunimmt, sind die Rentiere rechts und links der Straße. Hier gibt es keine Zäune, und so müssen wir ständig damit rechnen, dass eines der Tiere auf die Straße springt. äußerste Konzentration ist also angesagt.


Rentiere auf der Landstraße
Rentiere auf der Landstraße

Bald darauf, hinter Kaamanen, verlassen wir die E75, und biegen ab auf die 92. Jetzt geht es zügig Richtung Norwegen. Plötzlich wird die Straße sehr breit. Auf eine längere Strecke ist sie nun in jeder Richtung zweispurig. Markus weiß später zu berichten, dass dieser Abschnitte der finnischen Armee als Start- und Landeplatz für Flugzeuge dient. So können im Ernstfall sehr schnell viele Soldaten in den hohen Norden gebracht werden. Und Güter natürlich auch.


Wegweiser zum Nordkapp
Wegweiser

Schließlich erreichen wir die Grenze nach Norwegen, die sich nur durch ein großes Schild bemerkbar macht. Und fast sofort verändert sich die Landschaft. Auf der linken Seite ist eine große Schlucht, in der unten ein breiter Fluss fließt. Rechts und geradeaus sind Berge, zum Teil noch schneebedeckt. Ich mag diese raue Landschaft, ich finde sie viel schöner, als die endlosen Wälder von Finnland.

Schließlich erreichen wir einen Ort namens Skoganvarra. Zunächst tanken wir unsere Maschinen auf. Dann folgen wir einem Schild, das uns zu einem Campingplatz mit Hütten führt. Laut Karte sind es von hier knapp 200 Kilometer bis zum Nordkap, das sollte Morgen möglich sein. Die Hütten sind nichts besonderes, wir suchen uns eine aus, Johannes drückt den Preis von 1.000 Kronen für zwei Nächte auf 900 Kronen, und bald darauf laden wir die Motorräder ab, und machen es uns in der Hütte gemütlich. Dann kümmern wir uns um unsere Mopeds. Bei mir muss die Kette nach gespannt werden. öl ist bei allen noch OK. Getankt haben wir gerade erst, dabei auch den Reifendruck geprüft. Der obligatorische Spaziergang rundet den Tag ab. Wir wollen Morgen früh los, und hoffen, dass das Wetter mitspielt. Von Sonne wollen wir gar nicht träumen. So, wie der Himmel zurzeit aussieht, können wir schon froh sein, wenn es trocken bleibt.


Unsere Hütte in Skoganvarra
Wir übernachten in Skoganvarra

 Tag 8 

Um 6:00 Uhr klingelt der Wecker und ich springe aus dem Bett.
"Auf geht's Kameraden, das Nordkap ruft"   :-)
Naja, ganz so war es natürlich nicht, aber das Aufstehen ist mir doch bedeutend einfacher gefallen als sonst.

Heute ist es richtig kalt. Ich habe fast alles angezogen, was die Gepäckrolle hergibt. Recht zügig kommen wir voran, wir haben total vergessen, dass hier in Norwegen lediglich 80 Km/h erlaubt sind. Dann entdecken wir eine Polizeikontrolle, zum Glück lasern die gerade in der Gegenrichtung. Schlagartig wird uns klar, dass wir nicht mehr in Finnland sind, und passen umgehend unsere Geschwindigkeit an.

Es ist sehr bewölkt, der Himmel trägt grau, aber noch ist es trocken. Wir kommen gut voran, und erreichen am späten Vormittag den Nordkaptunnel. 6.875 m ist er lang, und die tiefste Stelle ist 212 Meter unter dem Meeresspiegel. Es macht keinen Spaß, hier durch zu fahren. Lausig kalt ist es, dunkel dazu, und die Straße ist an vielen Stellen nass. Mitten in meine überlegung, dass ich froh bin, wenn ich hier wieder heraus fahre, kommt uns auf der Gegenfahrbahn ein Fahrradfahrer entgegen. Ach Du liebes bisschen, wenn ich mich hier schon so unwohl fühle, wie muss es diesem guten Menschen denn erst gehen? Ich atme auf, als Licht am Ende des Tunnels erscheint, und wir kurz darauf wieder ans Tageslicht kommen. Gerade will ich mich lobend über die Norweger äußern, die nicht für alles und jeden Gebühren verlangen, da heißt es auch schon: Bremsen!


Nordkaptunnel
Nordkaptunnel

Wir stehen an einer Schranke, da ist ein kleines Häuschen, und wenn wir weiter wollen, müssen wir umgerechnet ungefähr zehn Euro bezahlen. Jeder von uns. Wer glaubt, damit sei es getan, der irrt gewaltig. Schon jetzt wird für den Rückweg auch zehn Euro kassiert, damit sich auch dann die Schranke wieder für uns öffnet. Also Geldbörse zücken und bezahlen (oder umdrehen, aber wer macht das schon?).

Es ist nun sehr windig. Wir folgen der sehr guten Straße, die uns zum Nordkap bringen wird. Schilder warnen, auch auf Deutsch, dass hier ein Rentier-Aufzuchtgebiet ist. Und so sieht es auch aus. Auf und neben der Straße stehen und laufen jede Menge dieser Tiere, und machen das fahren nicht eben zur Freude. Mehrmals fahren wir um eine Biegung, und können nur mit einer Vollbremsung einen Zusammenstoß mit diesen "possierlichen Tierchen" vermeiden. Also nehmen wir vor schlecht einsehbaren Kurven die Geschwindigkeit stark zurück, was unsere Fahrt aber leider nicht gerade beschleunigt.

Es ist ziemlich genau 12:00 Uhr, als wir das Nordkap erreichen. Vorher heißt es aber noch einmal bezahlen, und zwar rund 35,- Euro pro Person. Das nenne ich einen stolzen Preis. Dafür dürfen wir jetzt aber auch 24 Stunden hier bleiben.


Parkplatz am Nordkap
Parkplatz am Nordkap

Wir stellen unsere Maschinen auf dem Parkplatz ab, betreten das Nordkapzentrum, durchqueren es, und gehen hinten gleich wieder hinaus. Und dort steht sie, die bekannte Weltkugel, die ich schon auf so vielen Bildern gesehen habe. Wegen des starken Windes ist sie zusätzlich mit schweren Stahlseilen befestigt. Und genau in diesem Augenblick kommt die Sonne durch die Wolken. Ich fasse es nicht. Wir sind alleine hier, außer uns ist keine Menschenseele zu sehen, und wir nutzen diesen Umstand für jede Menge Fotos. Der Globus alleine, der Globus mit Johannes, der Globus mit Markus, der Globus mit mir, der Globus mit uns dreien (Selbstauslöser sei Dank). Und dann schweigend und beeindruckt die Aussicht genießen.


Am Nordkap-Globus
Am Nordkap-Globus

Eine knappe halbe Stunde sind wir hier draußen, dann wird es uns zu kalt, und wir gehen zurück in das Gebäude. Erst jetzt kommt uns eine große Schar Menschen entgegen: Die ersten Touristenbusse sind angekommen. Von nun an ist es immer voll am Globus. Was haben wir doch für ein Glück gehabt! In dem Souvenirshop kaufen wir noch ein paar Andenken. Natürlich sind die nicht billig, aber hier werde ich, wenn überhaupt, so schnell nicht wieder herkommen. Dann laufen wir noch ein wenig durch das Zentrum, bis wir uns gegen 15:00 Uhr losreißen. Wir müssen ja noch zurück bis zu unserer Hütte fahren. Am Parkplatz dann ein Problem: Die Maschine von Markus startet nicht. Ist die Batterie leer? Johannes und ich schieben, und das Moped springt an.



Vom Nordkap aus fahren wir nun immer Richtung Süden

Gemütlich fahren wir zurück zu unserer Hütte. Das Wetter ist im Tagesverlauf immer besser geworden, und am Abend ist es richtig schön mit viel Sonne. Wir essen draußen am See, und hoffen, dieses schöne Wetter mit zu nehmen, wenn wir Morgen nach Süden Richtung Schweden fahren.


See in Skoganvarra
See in Skoganvarra

 Tag 9 

Zwar klingelt der Wecker heute Morgen "erst" um 7:00 Uhr, aber so leicht wie gestern fällt mir das Aufstehen trotzdem nicht. Aber es hilft nichts, wir müssen los.

Das Motorrad von Markus will wieder nicht anspringen. Also "dürfen" Johannes und ich wieder schieben. In südlicher Richtung fahren wir durch Norwegen, folgen zunächst der "69", dann der E6 bis Alto, dort wechseln wir auf die "93". Dann sind wir wieder für ein paar Kilometer in Finnland. Lausig kalt ist es, ich glaube, so gefroren wie hier habe ich noch nie. Rechts und links der Straße ist alles offenes Gelände, der Wind fegt über die Landschaft, es kommt uns kaum ein anderes Fahrzeug entgegen. Plötzlich sehe ich im Rückspiegel, dass Johannes anhält, und nach links deutet. Und dann sehe ich ihn auch, den Elch. Zunächst steht er nur herum, dann setzt er sich plötzlich in Bewegung und verschwindet dann langsam.




Wir fahren weiter und machen an der Grenze zu Schweden unsere Mittagspause. Zunächst tanken, dann im benachbarten "Grilli" den Bauch voll schlagen, anschließend geht es weiter auf der 45 nach Schweden.

Diesmal fahre ich hinten. Es ist nicht mehr ganz so kalt wie in Finnland, noch ungefähr zwei Stunden, dann werden wir anfangen, uns eine Unterkunft für die Nacht zu suchen. Plötzlich höre ich ein merkwürdiges Geräusch. Es kommt von unten und klingt überhaupt nicht gut. Ein blechernes Scheppern, das zu allem Überfluss auch noch immer lauter wird. Aber ich habe keine Zeit, mir darüber Gedanken zu machen: Das Motorrad verliert schnell an Fahrt, ich ziehe die Kupplung, entdecke wenige Meter vor mir eine Einfahrt zu einem Haus und halte darauf zu. Kurz vor der Einfahrt komme ich zu stehen und schaue mir das ganze Dilemma an: Die Kette ist abgesprungen, hat sich zwischen Rahmen und Rad verkeilt. Mein Schutzblech aus Metall hat sich gelöst, sich in die Speichen des Hinterreifens gewickelt und dabei auch das kleine Werkzeugfach zerfetzt. Der Inhalt liegt weit verstreut hinter mir auf der Straße. Markus und Johannes haben nichts bemerkt und sind bereits hinter der nächsten Kurve verschwunden. Das Hinterrad blockiert, ich kann die Maschine nicht weiterschieben und zu allem überfluss kann ich das Motorrad auch nicht auf den Seitenständer stellen, da die Straße hier seitlich etwas abschüssig ist und das leider zur falschen Seite: Es würde umfallen, sobald ich es loslasse. Es ist klar: Hier geht es erst einmal nicht weiter.

So stehe ich hilflos mitten auf der Straße herum, hoffe, das mich keines wer wenigen Autos, die hier vorbeikommen, über den Haufen fährt und darauf, dass meine beiden Kollegen möglichst bald wieder zurückkommen. Tatsächlich dauert es gute fünf Minuten, bis die beiden wieder bei mir sind. Gemeinsam heben und wuchten wir die Maschine an den Straßenrand. Während Markus und Johannes mit Hilfe von Zangen das Schutzblech aus den Speichen entwirren, sammle ich das Werkzeug von der Straße. Die beiden bekommen die Kette soweit wieder hin, dass ich langsam weiterfahren kann. Nach kurzer Beratung entschließen wir uns, den Weg zurück zu fahren. Ungefähr zwei Kilometer zuvor sind wir an ein paar Häuser vorbei gekommen, da war auch eine winzige Tankstelle dabei. Dorthin "fahren" wir nun zurück. Na ja, es ist mehr ein Rollen. Dort angekommen, versuchen ich der Besitzerin der Tankstelle klar zu machen, was mein Problem ist. Sie versteht, um was es geht (mein Englisch kann also gar nicht so schlecht sein) und beginnt, zu telefonieren. Aber eine Mann, der angeblich Motorräder repariert, entpuppt sich als Fahrrad-Bastler und weit und breit ist keine Unterkunft offen. Wir haben mittlerweile fast fünf Uhr nachmittags. Schließlich ruft die gute Frau ihren Bruder an, der nebenan wohnt und auch recht schnell zu uns kommt. Er begutachtet Kette und Kettenritzel und bemerkt ganz richtig, dass es damit nicht weitergehen kann. In Kiruna, ca. 120 KM südlich von hier, ist eine Yamaha-Werkstadt, dorthin sollten wir das Motorrad bringen. Wir überlegen hin und her, schließlich bietet der gute Mann an, die Maschine Morgen früh nach Kiruna zu bringen. Er hat einen VW Pick-Up, auf dem wir meine Tenere verladen können. Mein Gepäck nimmt zum Teil Markus mit, der Rest bleibt beim Moped. Um neun Uhr macht die Werkstatt auf, gegen halb zehn will er da sein. Seine Schwester zeichnet uns noch auf, wie wir dorthin gelangen, dann sitze ich hinten bei Johannes auf, und wir machen uns auf dem Weg nach Kiruna.




Rund zwei Stunden brauchen wir und noch einmal eine halbe, bis wir dort eine (ziemlich teure) Unterkunft gefunden haben.Während dieser Zeit gehen mir viele Gedanken durch den Kopf. Es ist mir klar, dass die Tour hier für mich zu Ende ist. Keine Werkstatt hat ein Kettenkit auf Lager von einem Motorrad, das mittlerweile 16 Jahre alt ist, und seit mehr als zehn Jahren nicht mehr gebaut wird. Also muss es bestellt werden, und diese Verzögerung kann ich nicht mehr aufholen. Die Fähre in Göteborg wartet nicht. Genauso klar ist es, dass Johannes und Markus weiterfahren müssen. Ich beschließe abzuwarten, wie lange die Reparatur dauern soll. Entweder warte ich und fahre dann mit dem Motorrad entsprechen später nach Hause. Oder ich stelle die Maschine irgendwo ab, und hole sie zu einem späteren Zeitpunkt wieder ab, vielleicht im September. Dann fahre ich nun eben mit dem Zug nach Hause. Meine beiden Reisepartner haben mit Sicherheit ähnliche Gedanken, und die Stimmung ist ziemlich gedrückt. Trotzdem wollen wir noch etwas essen, und so gehen wir zu Fuß durch Kiruna. Eine Temperaturanzeige zeigt 4º C, und es dauert eine Weile, bis wir eine offene Gaststätte gefunden haben. Es ist eine Pizzeria, der Inhaber ist ein Libanese, der perfekt Deutsch spricht. Er ist in seiner Heimat schwer verwundet und in einem deutschen Krankenhaus wieder gesund gepflegt worden. Beim Essen kommt uns noch die Idee, uns am Bahnhof nach einem Autoreisezug zu erkundigen. Dann könnten wir die Maschine bis nach Göteborg bringen, dort auf das Schiff komme ich mit der ramponierten Kette noch irgendwie, und dann wären wir in Kiel, und könnten das Moped entweder dort in eine Werkstatt bringen, oder von dort mit einem Anhänger abholen. Markus spielt mit dem Gedanken, dann auch mit dem Zug zu fahren. Das Problem beim starten seiner BMW lässt ihm keine Ruhe. Schließlich gehen wir zurück zu unserer Unterkunft und schlafen dann auch irgendwann ein.

 Tag 10 

So schlecht wie diese Nacht habe ich wohl selten geschlafen. Ständig war ich wach und wälzte mich hin und her. Als ich gegen sechs Uhr dann aufstehe und nach draußen blicke, glaube ich meinen Augen nicht zu trauen: Es schneit! Wir haben Anfang Juni, und es schneit in Kiruna! Auch Markus und Johannes machen große Augen. Wir frühstücken ziemlich schweigsam, jeder hängt seinen Gedanken nach. Dann beladen wir die Maschinen. Zum Glück geht der Schnee nun langsam in Regen über. Es folgt das übliche morgendliche anschieben von Markus' Motorrad, das sich heute Morgen allerdings besonders wehrt. Dann fahren wir zum Bahnhof, um uns nach einem Autoreisezug zu erkundigen. Allerdings macht das dortigen Büro erst um zehn Uhr auf. Daher fahren wir direkt zum Yamaha Händler, und stehen pünktlich um neun beim ihm vor der Tür. Ich möchte die Ersatzteile möglichst früh bestellen, vielleicht kommen sie dann ja auch etwas schneller. Man klammert sich halt an jeden Strohhalm.

Es hat mittlerweile aufgehört zu regnen, und Markus beginnt, sein Motorrad auseinander zu nehmen, um den Startschwierigkeiten auf den Grund zu gehen. Während Johannes bei ihm bleibt, betrete ich die Werkstatt und gehe zum Infotresen. Allerdings komme ich nur so ungefähr fünf Schritte weit, dann glaube ich meinen Augen nicht zu trauen. Ich mache auf dem Absatz kehrt, stürze nach draußen, und rufe meinen beiden Partner zu: "Da steht genau so ein Moped wie meines zum verkaufen drin". Dann stürme ich wieder in den Laden, und schaue mir die dort stehende Tenere genauer an: Sie sieht wirklich genau wie meine aus: Die gleiche Lackierung, es ist auch das gleiche Baujahr, nur eine höhere Scheibe hat sie. Und vor allem: Ein nagelneues Kettenkit ist dran. Ich schnappe mir einer der Monteure, ziehe ihn zum Motorrad und sage ihm, dass mein Motorrad gleich gebracht wird, und ich genau so ein Kit brauche. Er sagt, er hat es nicht da, muss es bestellen, was drei bis vier Werktage dauert. Johannes, der mittlerweile zu uns gestoßen ist, spricht gelassen aus, was auch mir auf der Zunge liegt: "Können wir nicht dieses haben?" "Kein Problem" antwortet der Monteur und dann zu mir gewandt: "Wann kommt deine Maschine?". "Gegen halb zehn" erwidere ich. "Dann bauen wir dies hier schon mal aus" sagt der gute Mann, und schiebt das Motorrad nach hinten in die Werkstatt. Ich kann es kaum glauben, folge ihm, und springe dabei herum, wie Rumpelstilzchen einst um das Feuer. In die Werkstatt darf ich dann nicht mit hinein. Freundlich, aber bestimmt gibt der Mechaniker mir zu verstehen, dass ich vorne bleiben muss. Er zeigt mir noch einen Getränkeautomat, an dem ich mich bedienen kann, dann schließt sich die Werkstatttür vor meiner Nase. Immer noch aufgeregt, hüpfe ich noch eine ganze Zeit durch den Laden, bis Markus mir von draußen zuruft: "Dein Moped kommt". Ich laufe hinaus, und tatsächlich: Gerade fährt der Pick-Up mit meiner Tenere auf den Hof. Sofort laden wir die Maschine ab, und rollen sie nach hinten zur Werkstatt. Dort haben sie schon alles bereit liegen. Markus hat mittlerweile seine Maschine gescheckt, und herausgefunden, dass nicht der Anlasser kaputt ist. So diskutieren wir, vor dem Getränkeautomat sitzend, noch ein wenig hin und her, bis plötzlich eine Stimme ruft: "Your bike is ready!". Ich blicke durch das Fenster nach draußen, und sehe einen Mechaniker, der meine Tenere aus der Werkstatt nach vorne schiebt. Sofort laufe ich nach draußen, sitze auf, starte und drehe eine Runde um den Block. Ohne Jacke, ohne Helm, es ist eisig kalt, aber egal, es ist ein unbeschreibliches Gefühl, wieder auf dem Bock zu sitzen. Mit einem breiten Grinsen im Gesicht fahre ich zurück zur Werkstatt. Was für ein Glück!!! Die schlechte Laune, die dunklen Gedanken, alles ist wie weggewischt. Ich bezahle den Yamaha-Händler, und bedanke mich mindestens hundert Mal bei dem Pick-Up Fahrer, der mal eben meine Maschine die 120 KM hergebracht hat (natürlich habe ich ihm angemessen Benzingeld gegeben). Dann sind wir abfahrbereit. Ein kurzer Blick auf die Karte: Der Weg ist jetzt einfach: Immer die 45 Richtung Süden, unser nächstes Ziel ist Jokkmokk am Polarkreis. Um 10:15 Uhr geht es endlich los, wir rollen vom Hof der Yamaha Werkstatt. Es stört mich nicht im geringsten, das es wieder anfängt zu schneien. Laut trällere ich in meinen Helm eine leichte Abwandlung eines bekannten Schlagers: "I'm singing in the snow". Allerdings mache ich das nicht lange: Mit Karacho rausche ich voller Übermut in ein riesiges Schlagloch, alles wackelt und vibriert, und ich nehme erschrocken die Hand vom Gas. Aber es ist nichts passiert, und ich mahne mich selber an, mich mehr zu konzentrieren.

So fahren wir Richtung Süden. Zunächst auf der E10, dann wechseln wir hinter Muorjevaara auf die 45. Den nächsten Stopp machen wir in Jokkmokk, einer Stadt am Polarkreis. Dort halten wir an einem Supermarkt, um ein paar Kleinigkeiten einzukaufen. Es ist mittlerweile trocken, aber immer noch stark bewölkt, und vor allem richtig kalt. Trotzdem laufen die Jokkmokker herum, als wenn es dreißig Grad oder wärmer wäre: Kurze Hosen, kurze Röcke, T-Shirts und Badelatschen, das ist das Outfit der Menschen hier. Wir werden argwöhnisch betrachtet, als wir in unseren dicken Motorradklamotten durch den Laden laufen. Uns kümmert das nicht. Wir verdrücken noch einen Hotdog, wechseln Geld, winken zum Abschied freundlich in die Runde, und verlassen dann die Stadt Richtung Süden.

Kilometer um Kilometer fahren wir, und da wir in der letzten Nacht alle sehr schlecht geschlafen haben, wollen wir heute früh ins Bett. Und so beginnen wir schon gegen 15:00 Uhr damit, nach einer Hütte Ausschau zu halten. Aber es ist wie verhext: Es scheinen kaum Hütten vermietet zu werden in dieser Gegend, und wenn mal etwas ausgeschildert ist, so hat es noch zu. Langsam beginnen wir uns Sorgen zu machen. Irgendetwas muss es doch geben hier oben. Endlich finden wir einen offenen Platz.




Die Frau an der Rezeption aber dämpft sofort unsere Freude. Keine Dusche, kein warmes Wasser, Toilette und Waschgelegenheit (mit kaltem Wasser) befindet sich im Haupthaus, ungefähr 100 Meter von unserer Hütte entfernt. Aber was sollen wir machen? 350,- schwedische Kronen knöpft sie uns noch ab, dann machen wir es uns in einer ziemlich kleinen Bruchbude bequem. Markus packt den Einmal-grill aus, in Jokkmokk hatten wir Fleisch und Dosenbier ge-kauft, das Wetter ist trocken und nicht allzu kalt. Wir grillen vor der Hütte, machen das beste aus dem Abend, und drehen nach dem Essen noch eine Runde über den Platz.




Natürlich gibt es auch hier einen See, und mittlerweile sind auch noch andere Gäste eingetroffen: Ein Pärchen in einem Auto mit französischen Kennzeichen, das sich zwei Hütten weiter einquartiert hat. Und ein Wohnmobil, das an einer der Stromstation geparkt hat. Alles bleibt ruhig, und gegen zehn Uhr liegen wir auch schon in den Betten.

 Tag 11 

Ich werde wach, blicke auf die Uhr, und kann es nicht fassen: Halb neun! Ausgerechnet in dieser Bruchbude haben wir so lange geschlafen. Nach einer Katzenwäsche (mit eiskaltem Wasser) und einem kargem Frühstück schwingen wir uns auf die Maschinen und starten in den Tag. Aber nur, um sofort wieder mit einem Problem konfrontiert zu werden, das gestern wegen der Quartierssuche ein wenig in den Hintergrund geraten ist: Das Benzin wird knapp! Zumindest bei Johannes und mir. Markus kann dank seines größeren Tanks nur über unsere Not lächeln. Zum Glück finden wir in dem nächsten Ort eine Zapfsäule, aber die ist leider zu. Bis zum nächsten Ort sind es laut Karte 15 Kilometer, laut Anzeige an Johannes' BMW reicht sein Sprit aber nur für 13 Kilometer. Was tun? Wir lassen es darauf ankommen, fahren ruhig und gleichmäßig, und erreichen schließlich das örtchen Sorsele. Dort finden wir auch eine Tankstelle, die geöffnet hat, und füllen unsere Mopeds mit dem kostbaren Benzin. Anschließend schaut Johannes etwas ungläubig auf die Anzeige der Zapfsäule: 20,20 Liter hat er getankt. Komisch nur, dass sein Tank laut Betriebsanleitung lediglich 20 Liter fasst...

Um dieses Problem erleichtert fahren wir die 45 weiter Richtung Süden. In Storuman kaufen wir ein, und setzen unsere Fahrt fort. Kurz vor Vilhelmina beginnt es zunächst zu regnen, dann geht der Regen in Schnee über, und plötzlich beginnt es kräftig zu hageln. Wir flüchten uns unter einer Brücke, wo sich allerdings das Wasser der Straße sammelt. Einige Autofahrer scheinen uns dieses halbwegs trockene Plätzchen nicht zu gönnen, und rauschen mit großer Fahrt durch die riesigen Pfützen. So werden wir zwar von oben nicht nass, gegen diese netten "Grüße" der schwedischen Autofahrer allerdings können wir uns kaum wehren. Als der Hagel aufhört, fahren wir weiter, aber nur bis kurz hinter Vilhelmina. Dort setzt der Hagel wieder ein, und das "Brückenspiel" beginnt von vorn. Es dauert eine Weile, bis wir unsere Fahrt fortsetzen können, aber dann wartet das nächste Hindernis auf uns: Die 45 wird kurz vor Dorotea renoviert. Der Asphalt ist aufgerissen, und am heutigen Samstag wird wohl nicht gearbeitet. Die Straße gleicht einer Schotterpiste, extrem grob und sehr unangenehm zu fahren. Weiterhin wechseln sich Regen und Schnee/Hagel ab, und bald haben wir die Nase voll vom fahren. Wir suchen eine Hütte, diesmal aber bitteschön mit warmen Wasser. In Stömsund finden wir einen großen Campingplatz, auf dem auch Hütten vermietet werden. Leider ist die Rezeption geschlossen, wir finden auch keine Telefonnummer zum anrufen, überhaupt kein Lebenszeichen. Vielleicht ist die Anlage noch nicht geöffnet? Wir fahren weiter, und finden kurz darauf eine Reihe Hütten, idyllisch an einem See gelegen. Die Vermieterin freut sich auch, uns eine Hütte zu vermieten, allerdings ohne warmes Wasser. Sie hat Probleme mit der Heizanlage, würde uns aber mit dem Preis entgegen kommen. Wir beschließen, weiter zu fahren, und starten kurz vor Hammerdal einen nächsten Versuch: Ein Schild "Stuga" weist uns den Weg in eine Seitenstraße, dort stehen einige Hütten, natürlich wieder direkt an einem See. Ein älterer Herr erscheint, und in einer Mischung aus deutsch, englisch und schwedisch erfahren wir, dass wir eine Hütte mit Dusche und WC haben können, 450,- schwedische Kronen soll sie kosten, und: Es gibt warmes Wasser! Lange zu überlegen brauchen wir da nicht, und so stehe ich kurz darauf unter dem warmen Wasserstrahl, und möchte am liebsten gar nicht mehr darunter weg.


Hütte nähe Hammerdal
Hütte nähe Hammerdal

Hütte nähe Hammerdal
Hütte nähe Hammerdal

Hütte nähe Hammerdal
Hütte nähe Hammerdal

In der gut eingerichteten Küche kochen wir uns das Abendessen und gehen anschließend noch ein wenig spazieren. Im See gibt es eine kleine Insel, auf der eine Kirche steht. Unser Vermieter gesellt sich zu uns und wir versuchen ein Gespräch. Er spricht kein Deutsch und nur sehr wenig englisch, wir können lediglich ein paar Brocken schwedisch. So bleibt die Unterhaltung leider sehr oberflächlich und dauert auch nicht lange. Wir ziehen uns früh zurück in die Hütte, sehen auf der Karte noch, bis wo wir Morgen ungefähr fahren wollen, dann machen wir für Heute Schluss.

 Tag 12 

Wir haben gut geschlafen, in Ruhe gefrühstückt, die Sachen gepackt und die Maschinen beladen. Unser Vermieter hatte uns zu verstehen gegeben, das wir den Schlüssel einfach draußen stecken lassen sollten, wenn wir abfahren, und das machen wir dann auch. So sind wir kurz nach 9 Uhr schon wieder auf der Straße. Wobei Johannes und ich bereits nass geschwitzt sind. Die Maschine von Markus hat sich heute besonders gegen das Anspringen gewehrt, und so haben wir bereits Schwerstarbeit geleistet.

Wir sind gerade mal ein paar Minuten unterwegs, als starker Regen einsetzt. Es regnet und regnet, Stunde um Stunde, Kilometer um Kilometer. Wir folgen weiter der 45, machen kaum Pausen, und wollen eigentlich nur noch eines: Nach Hause. Was wir hier vermehrt sehen, sind Schilder, auf denen das Wort "Loppis" steht. Was ist das denn? Wegen dem strömenden Regen haben wir keine Lust, einem dieser Schilder zu folgen, und unsere Neugierde zu stillen. So lesen wir erst zu Hause im Wörterbuch, das es sich dabei um Flohmärkte handelt. Heute ist Sonntag, da werden hier wohl recht oft solche privaten Verkäufe abgehalten. Am frühen Nachmittag erreichen wir den Ort Sveg. Hier tanken wir, und dabei klart der Himmel plötzlich und vor allem sehr schnell auf. Der Himmel wird strahlend blau, die Sonne strahlt von oben und trocknet im Nu die Straßen. Johannes und Markus sind Optimisten: Sie verzichten auf die Regensachen, und erklären die Regenzeit für beendet. Ich bleibe zunächst pessimistisch, aber nur bis zur nächsten Pause, dann wandert auch mein Regenkombi ins Topcase. Jetzt macht das fahren wieder viel mehr Spaß. In Orsa parken wir vor dem Stadthotel, wo sich gegenüber ein Einkaufszentrum befindet. Während ich bei den Maschinen bleibe, gehen meine beiden Partner einkaufen.


Pause in Orsa
Pause in Orsa

Eine dreiköpfige Familie geht vorbei, wirft einen Blick auf die Nummernschilder unserer Motorräder und bleibt dann bei mir stehen: "Aus Recklinghausen kommt ihr?" fragt mich die Frau, und als ich nicke, erklärt der Mann, das sie aus Bochum seien. Sie haben hier in der Nähe ein Ferienhaus gemietet, das Wetter war hier unten die letzten Tage gut, und so soll es auch die nächste Zeit bleiben. Als ich von unseren Nordkap Erlebnissen berichte, bekommt der Mann glänzende Auge. Die Frau allerdings schüttelt den Kopf: Im Urlaub nur Kilometer abspulen, nein, nein, das wäre nichts für sie. Wir wünschen uns noch gegenseitig alles Gute, dann gehen die drei zu ihrem Auto und fahren los. Markus und Johannes sind mittlerweile auch zurück, wir verteilen die mitgebrachten Lebensmittel auf die Motorräder, dann fahren auch wir weiter. Wir suchen nach einer Bleibe für die Nacht, und werden bald darauf in Mora fündig. "Mora Parken" nennt sich die Anlage, hier gibt es Camping, Hütten und auch ein Hotel. Wir mieten eine Stuga für 400,- Kronen, nichts besonderes, aber mit einem Fernseher für Markus, der auch sofort nach einem Wetterbericht zappt. Dort wird bestätigt, was mir die deutsche Familie auf dem Parkplatz in Orsa schon mitgeteilt hatte: Das Wetter bleibt die nächsten Tage schön. Wir kochen, essen dann draußen, sind dort allerdings nicht lange allein: Zunächst besucht uns ein Eichhörnchen, dann gesellt sich noch eine Kohlmeise dazu. Beide Tiere sind sehr zutraulich, kommen ziemlich nahe an uns heran. Anscheinend werden sie hier von den Gästen immer auf das Beste versorgt.




Satt und zufrieden drehen wir anschließend noch eine ausgedehnte Runde durch die Anlage, die doch größer ist, als es auf den ersten Blick scheint. Und die Hütten sind zum Teil so winzig, das wir sie spontan "Hobbithäuser" taufen. Keine Ahnung, wer die sonst mieten soll. Zurück in unserer Hütte sehen wir uns sicherheitshalber nochmal die Wettervorher-sage an, und es bleibt dabei: Die nächsten Tage bleiben trocken und sonnig. So können wir also beruhigt schlafen gehen.




 Tag 13 

Das Aufstehen fällt schon ein bisschen leichter, wenn einem die Sonne ins Gesicht scheint. Diese Erfahrung mache ich zumindest, denn genau so geht es mir heute Morgen. Johannes und Markus sind natürlich schon längst auf, haben Fenster und Türen zum lüften geöffnet, und ob des schönen Wetters verkneife ich mir eine bissige Bemerkung wegen der frühen Zeit. Es ist nämlich gerade erst halb acht. Aber die Temperaturen lassen es bereits zu, dass wir draußen frühstücken, und so fängt der Tag natürlich gut an. Es ist fast zehn Uhr, als wir schließlich losfahren. Wir haben keine Eile, und folgen weiter gemütlich der 45, machen regelmäßig unsere Pausen, und genießen das gute Wetter. Fast könnten wir durchfahren bis Göteborg, aber dort wollen wir keine Nacht verbringen, das haben wir vor zwei Jahren bereits gemacht. Daher beschließen wir, uns am Vännernsee eine Unterkunft zu suchen. Das ist immerhin der größte See in Schweden. Ich habe mal gelesen, dass man, würde man immer entlang der Küste dieses Sees entlang laufen, rund 2.000 Kilometer unterwegs wäre. Irgendwo auf dieser Strecke wird sich ja wohl auch eine Hütte für uns finden, oder? Und richtig, gegen halb vier sehen wir ein Schild "Vita Sanders Camping". Wir folgen dem Abzweig von der Straße und stehen sieben Kilometer später auf dem Campingplatz, der direkt am See liegt und mit vier Sternen glänzt. Stolze 560,- Kronen kostet eine Hütte, ohne Dusche, und wären wir heute nicht so träge, so würden wir wohl weiterfahren.


'Vita Sanders Camping' am Vännernsee
"Vita Sanders Camping" am Vännernsee

Aber wir beschließen, hier zu bleiben, nehmen eine warme Dusche drüben im Waschhaus, machen uns etwas Leckeres zu essen, und drehen anschließend unser obligatorische Runde über den Platz. Danach beugen wir uns über die Karte: Von hier aus ist es quasi nur ein Katzensprung bis Göteborg, und wir können ganz entspannt den morgigen Tag angehen.


Am Ufer des Vännernsee
Am Ufer des Vännernsee

 Tag 14 

Selten ist wohl ein Morgen so relaxed verlaufen wie dieser. Bis fast acht Uhr schlafen wir, danach wird gemütlich draußen gefrühstückt. Nur ein Camper, der auf dem Weg zum Waschhaus direkt an unserer Wiese vorbei läuft, nervt uns ein wenig. Er textet uns zu mit seinem tollen Wohnmobil, aber wir hören gar nicht richtig hin, und bald hat er genug von seinen Monologen, und lässt uns zufrieden. Die Sonne scheint vom blauen Himmel, in kurzer Hose und T-Shirt sitzen wir auf dem Rasen, Mensch, was willst Du mehr?


Entspanntes Frühstück
Entspanntes Frühstück

Es ist mittlerweile bereits nach zwölf Uhr, bis wir losfahren. Die 45 begrüßt uns wie alte Bekannte. Einen Tankstopp legen wir noch ein und dort sehen wir wieder das, was wir hier in Schweden häufig auf den Straßen oder auf Parkplätzen beobachten konnten: Es sind jede Menge Reifenspuren auf der Strasse. Beim Anfahren und Beschleunigen lassen die Schweden gerne Gummi auf der Straße. Auch kreisrunde Wheelies sind keine Seltenheit. Hiermit scheinen die Schweden sich so richtig auszutoben.

Gegen halb drei sind wir dann auch schon am Kai der Stena-Line. Die 45 führt direkt dorthin, einfacher geht es wirklich nicht. Nun heißt es warten, erst ab 17:00 Uhr dürfen wir auf das Schiff. Obwohl es noch recht früh ist, sind wir nicht die ersten Motorradfahrer hier: Zwei andere Biker aus Kleve und Mönchengladbach sind bereits da und wir kommen natürlich ins Gespräch. Die beiden haben über "Hurtigrouten" eine komplette einwöchige Tour gebucht, inklusive Hotelübernachtungen und ein Stück Schiffstour war auch dabei. Schlappe 1.800,- Euro pro Nase haben sie dafür bezahlt. Ich überschlage für mich selbst meine eigenen Kosten und komme gerade mal auf die Hälfte, für zwei Wochen wohlgemerkt. Da kann ich mir ein breites Grinsen wirklich nicht verkneifen...


Im Hafen von Göteborg
Im Hafen von Göteborg

Nichts ist so langweilig wie diese Warterei. Das Gespräch mit den beiden Bikern vom Niederrhein ist längst beendet. Fast im Minutentakt schaue ich auf die Uhr. Endlich ist es fünf Uhr und wir Motorradfahren dürfen zum Glück wieder als erstes auf das Schiff. Der Rest ist dann Routine: Maschinen festzurren, Sachen auf die Kabinen bringen, kurz unter die Dusche, dann rauf aufs Deck. Hier genießen wir die Sonnenstrahlen bei einem kühlem Bier. Anschließend machen wir noch den Duty-Free-Shop unsicher. Um 20:30 Uhr schließlich gehen wir zum Abendessen. Wir haben das "skandinavische Buffet" gebucht und genießen, was es da alles so gibt. Auch die Getränke sind hier frei und so sind wir die letzten Gäste, die, nach dezenter Aufforderung durch den Kellner, das Restaurant verlassen. Satt und zufrieden drehen wir noch eine kleine Runde über das Deck und fallen dann um kurz nach elf Uhr in den Kojen.

 Tag 15 

Ich werde wach, und habe ein schwer zu beschreibendes Gefühl: Einerseits ist die Tour jetzt leider fast zu Ende. Andererseits bin ich heute Abend wieder bei meiner Familie, die ich jetzt zwei Wochen lang nicht gesehen habe. Aber es ist klar, die Wiedersehensfreude überwiegt.

Um 6:30 Uhr stehe wir auf und genießen um sieben Uhr bereits das Frühstücksbuffet. Pünktlich um neun Uhr legen wir in Kiel an. Von hier an geht es über die Autobahn Richtung Heimat. Nach mehreren kurzen Pausen sowie einer etwas längeren Unterbrechung (wegen einem Unfall wurde die A1 vorübergehend komplett gesperrt), erreichen wir gegen 15:30 Uhr unsere Heimat.

 Und sonst... 

6.000 Kilometer in 14 Tagen. Für den einen klingt das nach Horror, der andere zuckt nur gelangweilt mit der Schulter. Ich für mich kann sagen, dass ich das nicht mehr haben muss. Lieber weniger fahren, dafür aber mehr sehen, mehr Leute treffen, mehr erleben. Allerdings war es so ja auch nicht geplant. Und immerhin waren wir nun am Nordkap.

Finnland fand ich zum Motorradfahren nicht so toll. Wenn man nicht gerade viel Zeit hat und die ganz kleinen Straßen fährt, dann geht es meist kilometerweit schnurgerade durch die Wälder. Kurven: Fehlanzeige. Fernsicht: Fehlanzeige. Berge: Fehlanzeige. Sicherlich gut für einen erholsamen Urlaub mit dem Wohnmobil, aber nicht für den Motorradfahrer.

Norwegen haben wir ja diesmal fast nur am Nordkap erlebt. Aber ich habe das Land ja bei der letzten Tour etwas besser kennen gelernt und ich finde es landschaftlich wirklich grandios dort. Von den skandinavischen Ländern ist es zum Motorradfahren bisher mein Favorit.

Schweden ist auch schön, so ein Mittelding zwischen Finnland und Norwegen. Leider sind hier die Hütten (Stuga) um einiges teurer als in Norwegen. Dafür sind sie dann wiederum meist besser ausgestattet. So gleicht sich eben immer alles aus.

Das Nordkap: Ich habe eigentlich nicht gedacht, dass ich so einen Felsen wirklich faszinierend finde. Zumal es ja eigentlich auch gar nicht die nördlichste Stelle des europäischen Festlandes ist. Aber so kann man sich täuschen: Es war ein tolles Gefühl, dort zu stehen und über das Meer zu blicken. Dieses Gefühl kann ich nicht beschreiben, ich denke, man muss es wirklich erleben. Im Nachhinein wäre ich gerne länger dort geblieben, es gibt da noch so einiges zu sehen. Also muss ich da wohl noch einmal hin...

Wer weiß.

Das Dilemma mit der Kette: Im Nachhinein betrachtet ist es fast unglaublich, wie das alles abgelaufen ist. So ein Glück hat man wohl nicht alle Tage. Steht doch in diesem kleinen Ort in Lappland genau so eine Maschine gebraucht zu verkaufen, wie ich sie habe. Und dann auch noch mit einem nagelneuen Kettenkit, also genau das, was ich gerade brauche. Wahnsinn!
Im Nachhinein habe ich mich zunächst ein wenig geärgert, dass ich keine Fotos von dieser Geschichte habe: Meine Tenere mit der kaputten Kette... Meine Tenere auf dem VW Pick-Up... die "andere" Tenere in der Yamaha Werkstatt... und... und... und. Aber das zeigt wohl, dass wir alle drei doch sehr an dieser Situation zu knacken hatten: Wir fahren zusammen in den Urlaub, kommen aber nicht gemeinsam nach Hause. Da waren wir wohl nicht abgebrüht genug, in dieser Situation auf den Auslöser zu drücken. Aber genau das macht mich andererseits auch wieder froh: Wir sind halt auch "nur" Menschen.

Und nächstes Jahr? Das Ziel unserer Motorradtour im nächsten Jahr könnte tatsächlich "Schottland" heißen, nicht nur wegen dem bereits vorher erwähnten Himmelszeichen. Wir alle drei haben Lust auf Schlösser, Whisky und die Highlands. Aber endgültig wird das erst Ende des Jahres entschieden.



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