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Geschichten & Bilder von unterwegs     

Motorradtour zu den Lofoten, Norwegen

 Wie es begann: 

Wer die Idee eigentlich hatte, weiß ich nicht mehr. Aber plötzlich war sie da: Mit dem Motorrad nach Norwegen. Erst war eine Woche geplant, aber nein, da lohnt sich die Fähre ja gar nicht. So wurden es zehn Tage, schließlich zwei Wochen. Und plötzlich stand es fest: 2007 würden wir für 14 Tage noch Norwegen fahren, irgendwann im Mai oder Juni. Das war im Herbst 2005. Danach war fast ein Jahr lang Ruhe über dieses Thema, bevor Ende 2006 die Planungen anliefen. Ein Termin wurde gesucht und gefunden, die Fähre gebucht. Jetzt gab es kein zurück mehr. Karten wurden studiert, Infos über das Land zusammengesucht, und nach und nach entstand eine Reiseroute: Wir wollten mit der Fähre von Kiel nach Göteborg (Schweden) fahren, danach auf geraden Weg Richtung Norden zu den Lofoten. Dann in Norwegen die Küstenstrasse herunterfahren, und uns schließlich in Südnorwegen noch ein paar Fjorde ansehen. Immer vorausgesetzt, das Wetter passt in unsere Planung. Ansonsten würden wir kurzfristig umdisponieren.

Der Monat davor:

Die Planungen laufen jetzt auf Hochtouren: Wer nimmt was mit? Nicht jeder muss ein Ladegerät für das Handy dabei haben, nicht alle müssen Taschenlampen mitnehmen usw. Eine Packliste erleichtert die Verteilung dieser Dinge. Zwischendurch immer wieder ein Blick in die Webcams: Wie ist das Wetter da oben? Schließlich fällt uns ein, dass wir an einem Sonntag in Schweden ankommen. Haben die Geschäfte dort auf? Sicherheitshalber nehmen wir auch ein paar Lebensmittel mit. Das Reisefieber steigt, die Ungeduld auch.

Der Tag davor:

Ich stehe mitten im Raum, um mich herum ein Berg von verschiedensten Dingen: T-Shirts stapeln sich neben Straßenkarten, Handtücher neben Werkzeug, und und und... Ich weiß nicht, zum wievieltem Male ich meine Packliste durchgehe, ob ich auch nichts vergessen habe. Schließlich beginne ich mit der Aufteilung auf die einzelnen Gepacktaschen: Dies kommt in das Topcase, das in die Gepäckrolle, und jenes in den Tankrucksack. Schwitzend und fluchen packe ich öfters um, so lange, bis ich alles einigermaßen sinnvoll verstaut habe. Dann schleppe ich das Gepäck in die Garage, und stelle es neben mein Motorrad. Beladen werde ich es erst morgen früh, für heute bin ich geschafft. Zurück im Haus klingelt das Telefon: Johannes ist dran, und fragt, ob ich alles unterbringen konnte, oder ob er noch etwas übernehmen soll. Mit seinen zwei riesigen Paktaschen verfügt er genau wie der dritte in unserem Bunde, Markus, über wesentlich mehr Platz als ich. Aber ich habe alles bei mir unterbekommen.

 Tag 1 

Um zehn Uhr ist Treffen, und eine halbe Stunde vorher bin ich dabei, mein Motorrad zu beladen. Da sehe ich, wie Markus fertig aufgerüstet an mir vorbei Richtung Johannes fährt. Geht meine Uhr falsch??? Nein, Markus hat es nur nicht mehr abwarten können. Ihm juckt es in der Gashand, er will endlich los. Ich bin auch bald reisefertig, und rolle gemütlich die paar Meter weiter zum Treffpunkt. Meine Kinder kommen zu Fuß mit, Nina hat den Fotoapparat, will Fotos machen. Nils guckt ein bisschen traurig, auch ich habe einen kleinen Kloß im Hals: Zwei Wochen ohne Frau und Kinder, das ist schon komisch. Meine Frau hat heute Frühdienst, der Abschied war dem entsprechend kurz. Sie freut sich riesig für mich, dass ich diese Tour machen kann, das weiß ich. Jetzt sind wir auch schon abfahrbereit. Nina kommt, und drückt mich. "Tschüß Papa, mach es gut". Auch Nils nimmt mich noch mal in den Arm. "Komm gesund wieder" sagt er leise. Ich muss kräftig schlucken.


Abfahrt
Abfahrt

Meine Reisepartner haben mittlerweile ihre Maschinen gestartet, rollen an, und ich beeile mich, es ihnen gleich zu tun. Ein letzter Blick zurück, die Kinder winken, dann fahre ich um die Ecke.

Die ersten Meter dienen dazu, sich an die schwer beladenen Tenere zu gewöhnen. Wir fahren zunächst auf der Landstrasse, dann auf der Autobahn Richtung Norden. Unsere Fähre geht von Kiel nach Göteborg, ab 17:00 können wir an Bord, und wir wollen früh da sein. Den ganzen Tag über ist der Himmel grau und Wolkenverhangen. Es sieht aus, als würde es jeden Augenblick anfangen zu regnen. Aber wir haben Glück, es bleibt trocken.

Unterwegs legen wir regelmäßig eine Pause ein. Einmal sehen wir dabei eine große Gruppe von Harley-Fahrern mit schwedischem Kennzeichen. Erst jetzt fällt uns auf, dass auch viele Einzelfahrer bzw. kleinere Gruppen mit Harleys unterwegs sind. Irgendwo muss ein Treffen gewesen sein, und jetzt sind alle auf dem Weg nach Hause.

Es ist zwar Pfingstsamstag, aber wir kommen ohne Stau gut voran. Auch der Elbtunnel ist fast frei, nur kurz davor eine viertel Stunde "stop & go", damit können wir leben. Pünktlich um kurz vor 17:00 Uhr erreichen wir schließlich den Fähranleger in Kiel. Markus schafft es gerade noch, die reservierten Tickets abzuholen, da werden wir auch schon auf das Schiff gewunken. Dort treffen wir auch die ganzen Harley-Fahrer von unterwegs wieder. Wir schnüren die Maschinen gut fest, nehmen unser Gepäck, und dann geht es ab auf die Kabine. Obwohl das Wort "Kabine" sicherlich übertrieben ist.


Unsere Kabine auf der Fähre
Unsere Kabine auf der Fähre

Wer keine engen Räume aushalten kann, der sollte diesen hier unbedingt meiden. Dabei haben wir uns zu dritt bereits eine Viererkabine "gegönnt". Keine Ahnung, wo wir unsere Sachen verstaut hätten, wenn wir zu viert gewesen wären. So dient das vierte Bett als Ablage, und wir können uns wenigstens noch ein bisschen bewegen. Ab unter die Minidusche (das geht jetzt Ruck-Zuck, nur nicht zu lange hier aufhalten), und kurze Zeit später sind wir bereits beim Abendessen. Anschließend lassen wir den Abend dann mit einem Bier und einen letzten Blick auf Kiel ausklingen. Kaum sind wir auf See, klart der Himmel auf. Ob das ein gutes Omen ist? Ich hoffe es sehr.

Zufrieden schlafe ich gegen 23:00 Uhr ein. Zweimal werde ich nachts wach, lausche kurz dem gleichmäßigen Blubbern der Schiffsmotoren, dann schlafe ich gleich wieder ein.

 Tag 2 

Die Stimme aus dem Bordradio erzählt uns in mehreren Sprachen, wann wir Göteborg voraussichtlich erreichen werden und - noch viel wichtiger für uns - wann der Speisesaal geöffnet wird. Wir haben nämlich Hunger! Mit als erste stehen wir dann am Eingang, als das Frühstücksbuffet geöffnet wird. Wir nehmen uns einen Fensterplatz, und los geht's. Wir haben heute einen langen Tag vor uns, da wollen wir gestärkt sein. Fast eineinhalb Stunden lang genießen wir das wirklich üppige Frühstück hier an Bord, dann geht es hinauf an Deck. Die Hafeneinfahrt von Göteborg soll sehr schön sein. Auch das Wetter spielt mit. Es ist zwar noch etwas frisch, aber der Himmel ist blau, und die Sonne tut ihr bestes, um uns zu erwärmen. Hier holt Markus zum ersten Mal das Ministativ für seine Digitalkamera hervor. Ein kleines Teil, das sich in Verbindung mit dem Selbstauslöser noch oft als sehr nützlich erweisen wird.


Gruppenfoto an Deck
Gruppenfoto an Deck

Wir haben uns zeitlich wohl ein wenig verschätzt, denn bis zum Anleger ist es nicht mehr weit, und von der schönen Hafeneinfahrt bekommen wir nicht mehr viel mit. Aber was soll's, dann sehen wir uns dass eben auf dem Rückweg an. Runter in die Kabine, Motorradsachen anziehen, Taschen nehmen und ab geht es zu den Maschinen. Die Harley-Fahrer von gestern sind bereits da, alle lösen die Gurte und beladen ihre Mopeds. Auch wir schließen uns diesem regen Treiben an, die Zeit wird langsam knapp. Es reicht noch für ein Foto, dann heißt es aufsitzen und abfahren. Runter vom Schiff reihen wir uns erst einmal brav hinter den Autos ein. Die schwedischen Harley-Fahrer wissen es besser: Ganz cool rollen sie an den PKW's vorbei, Richtung Ausfahrt. Kurz entschlossen schließen wir uns ihnen an, und sind wenige Augenblicke später ohne irgendwelche Kontrollen bereits auf der Strasse, die uns nach Norden bringen soll.

Kurz nachdem wir die Innenstadt Göteborgs verlassen haben, halten wir an, prüfen noch einmal, ob alles ordentlich verschnürt ist, dann geben wir Gas. Die [40] fahren wir immer geradeaus, und was auf der Karte langweilig und öde aussieht, wird, je mehr wir nach Norden kommen, immer abwechslungsreicher. Nach gut einer Stunde Fahrt machen wir die erste Rast. Ein wenig recken und strecken, die Beine vertreten. Wir sind schließlich im Urlaub und nicht auf der Flucht. Eine große Schwedenkarte steht da, und wir fahren mit den Fingern den Weg ab, den wir noch vor uns haben. Dann heißt es "aufsteigen" und weiter geht's. Die Strasse führt uns auch am Vänernsee entlang, den größten See Schwedens. Je weiter wir nach Norden kommen, desto karger wird die Vegetation. Immerhin ist es noch grün. Wir bleiben auf der [40], und machen ungefähr im Stunden-Rhythmus jeweils eine kurze Pause.


Pause auf dem Weg nach Norden
Pause auf dem Weg nach Norden

Gegen 17:00 Uhr, wir sind gerade durch Orsa gefahren, sehen wir an der Strasse ein Schild mit der Aufschrift "Stuga". Es zeigt links in eine Strasse hinein. Kurz entschlossen folgen wir dem Hinweis, und biegen etwas später rechts ab auf einen Kiesweg. Durch ein kleines Wäldchen hindurch fahren wir noch, dann stehen wir vor einigen Blockhäusern. Wir parken die Motorräder vor einem kleinen Schild, an dem sich eine Klingel befindet, die wir auch gleich drücken. Kurz darauf erscheint ein Mann, und auf Englisch werden wir uns schnell einig: 450 schwedische Kronen für eine Nacht erscheint uns OK für die komplett eingerichtete Hütte. Ich schaue auf meinem Tageskilometerzähler: 508 Kilometer sind wir heute gefahren. Ruckzuck haben wir die Bikes abgeladen, und "zaubern" uns aus den mitgebrachten Vorräten ein leckeres Abendessen. Anschließend schmökern wir noch in dem Gästebuch, das neben vielen anderen Einträgen auch diesen hier enthält:

"Family Frank Fischer with wife and 5 children from Oberhain in German Democratic Republik, 11./12. August 2005."

Häää? German democratic republik? Und das im Jahr 2005? Waren das einfach nur schlechte Englischkenntnisse, oder trauert da jemand der guten alten Zeit nach? Na egal, ich bin nur froh, das wir hier nicht mit sieben Leuten hausen wie "Frank and his family", schließlich gibt es hier nur vier Betten. Viel mehr Sorgen macht mir dagegen der Hinweis unseres Vermieters, dass es morgen Regen geben soll. Das muss doch nicht sein, oder? Als wir dann aber so gegen elf Uhr im Bett liegen, schlafe ich trotz dieser Vorhersage tief und fest.


Übernachtung in der Nähe von Orsa
Übernachtung in der Nähe von Orsa

 Tag 3 

Markus hat den Wecker auf 6:30 Uhr gestellt, und etwas verwundert reibe ich mir die Augen. Habe ich nicht Urlaub? Aber dann erinnere ich mich: Motorrad, Norwegen, Lofoten... Wir wollen heute wieder viel fahren, mindestens 500 Kilometer, da heißt es früh aufstehen. Draußen ist es grau, kalt und diesig. Es sieht so aus, als würde der Himmel jeden Moment seine Schleusen öffnen. Also hat unser Vermieter wahrscheinlich doch Recht mit seiner Wettervorhersage? Wir frühstücken, beladen dann die Maschinen, und los geht es weiter Richtung Norden. Immer noch fahren wir auf der [40]. Wir wollen ja zügig hoch zu den Lofoten kommen, und so "fressen" wir jetzt Kilometer um Kilometer, nur unterbrochen von den regelmäßigen Pausen. Zum Glück wird das Wetter immer besser: je weiter wir nach Norden komm wieder halten wir an, um eine besonders schöne Aussicht zu bewundern. Die Vegetation wird jetzt immer sparsamer, die Bäume werden gerade noch bis 2,50 Meter hoch. Trotzdem ist alles noch grün, und wir haben viel Spaß beim fahren. Um genau 16:02 Uhr ist es dann soweit: Wir erreichen Lappland. Ein riesiges Schild heißt uns Willkommen. Aber Johannes, der gerade vorfährt, hört und sieht nichts, und rauscht einfach weiter. Dabei wäre das hier doch eine gute Gelegenheit für ein Erinnerungsfoto gewesen. Bei der nächsten Pause beschließen wir, dass derjenige, der ein Foto machen möchte, einfach anhält und fotografiert. Die anderen werden dann an geeigneter Stelle auf ihn warten. Schade, dass wir das nicht vorher besprochen hatten.


Schöne Aussichten
Schöne Aussichten

Das gute Wetter hält an, und wir beschließen, uns heute eine besonders schöne Hütte zu nehmen. Und wir haben Glück: Gleich beim ersten Versuch werden wir fündig. Kurz hinter Vilhelmina finden wir "Kolgardens Camping", wunderschön an einem riesigen See gelegen. Mehrere Hütten stehen dort, nahe am Wasser, und auch gar nicht mal so teuer: 500 Kronen ist der Preis, den wir zahlen. Wir sind die einzigen Gäste heute, sitzen auf der Terrasse, genießen die Sonne und den Ausblick auf den See, und sind zufrieden. 541 Kilometer haben wir heute geschafft, und sind unserem Ziel, den Lofoten, wieder ein ganzes Stück näher gekommen. Im Fernseher sehen wir dann noch einen Satellitenfilm vom Wetter, und siehe da: dort, wo wir heute Morgen gestartet sind, hat es geregnet. Bei uns im Norden dagegen sind die Aussichten für die nächsten Tage super: Sonne satt verspricht uns das Bild, und wir können unser Glück kaum fassen. Mit der Planung für die Route des nächsten Tages lassen wir den Tag zufrieden ausklingen.

Auf 'Kolgardens Campingplatz'
Auf "Kolgardens Campingplatz"

Auf 'Kolgardens Campingplatz'
Auf "Kolgardens Campingplatz"

Auf 'Kolgardens Campingplatz'
Auf "Kolgardens Campingplatz"

 Tag 4 

Ich werde wach, und die Sonne scheint! Klasse!!! Was folgt, ist das allmorgendliche Ritual, bestehend aus Frühstück, Sachen packen, Motorrad beladen und abfahren. Wir sind noch nicht weit gekommen, als plötzlich vor uns mitten auf der Strasse Rentiere stehen . Sofort halten wir an, um aus gebührender Entfernung Fotos zu machen. Da kommt ein PKW heran gefahren, doch die Tiere lassen sich nicht stören, der Fahrer fährt langsam mitten durch die kleine Herde durch. Ich beschließe, es dem Autofahrer gleich zu tun. In der linken Hand die Kamera, mit rechts vorsichtig Gas gebend und lenkend, fahre ich langsam auf die Tiere zu. Und was machen diese blöden Viecher? Sie laufen weg. Warum denn das? Beim Auto sind sie doch auch stehen geblieben. Enttäuscht mache ich ein letztes Foto von der fliehenden Meute.


Rentiere auf der Landstrasse
Begegnung auf der Landstrasse

Nach diesem kurzen Intermezzo fahren wir weiter. In Storuman verlassen wir die [40], und wechseln auf die [E12]. In westlicher Richtung fahren wir nun Richtung Norwegen. Der Grenzübergang selbst ist unspektakulär, und nur erkennbar durch ein Schild mit dem Hinweis "Königreich Norwegen". Wir folgen der Strasse bis Mo I Rana, und wechseln dort auf die [E6] Richtung Norden. Diese Europastrasse hier oben hatte ich mir allerdings anders vorgestellt. Schmale Fahrbahnen, wo es bei zwei sich begegnenden LKW's manchmal bereits eng wird, und ohne Standspur, so präsentiert sie sich. Außerdem gibt es eine Menge Tunnel. Einfach in den Felsen gehauen, ist es in ihnen richtig kalt. Darüber hinaus sind sie sehr schlecht beleuchtet. Mit der Sonnenbrille auf der Nase kann es darin zum richtigen Blindflug werden.

Je weiter wir nach Norden fahren, desto kälter wird es. Die Vegetation geht noch weiter zurück, und immer mehr Schnee liegt rechts und links der Strasse. Na klar, wir nähern uns dem Polarkreis. Schließlich ist es soweit: Ein Straßenschild führt uns von der [E6] auf einen großen Parkplatz. Direkt daneben steht ein Haus, in dem man nicht nur Informationen über diesen Ort bekommt, sondern auch jede Menge Souvenirs erwerben kann. Wir stellen unsere Motorräder ab, und sehen uns das aus der Nähe an. Eigentlich überwiegt der Kitsch, den es hier zu kaufen gibt. Aber wer will den Norwegern das verdenken? Es ist nicht besonders viel los hier, logisch, es ist gerade Mal Ende Mai, da hat die Saison noch gar nicht angefangen. Wir schlendern durch den fast leeren Laden, kaufen aber nichts, da es uns hier sehr teuer erscheint. Dann gehen wir wieder nach draußen. Dort ist ein kleiner Globus auf zwei Steinen errichtet. Das Ministativ von Markus kommt jetzt wieder zum Einsatz.


Zittern am Polarkreism Polarkreis
Zittern am Polarkreis

Um uns herum liegt noch jede Menge Schnee, nur die Strassen und dieser Parkplatz sind geräumt. Ich habe mal irgendwo gehört, dass die Norweger sich verpflichten, ab Mai alle Strassen von Schnee zu räumen. Keine Ahnung, ob das stimmt, aber wir hatten auf der ganzen Tour keine Wege, die wegen Schnee nicht passierbar waren. Direkt neben der Strasse führt die Eisenbahnlinie entlang. Ich überlege, dass es wohl auch interessant wäre, mit dem Zug hier entlang zu fahren. Und außerdem wäre es in dem behaglichen Wagons wohl weniger kalt.

Wir verlassen diesen frostigen Ort und fahren weiter Richtung Norden. Mit zunehmender Entfernung zum Polarkreis nimmt auch der Schnee ab. Links und rechts der Strasse wird es wieder grün. In Norwegen ist 80 km/h erlaubt, hier oben teilweise auch 90 km/h. Wir haben so viele Geschichten gehört über die Strafen, die hier bei Geschwindigkeitsüberschreitungen verhängt werden, dass wir im Vorfeld der Tour beschlossen hatten, uns an die Begrenzungen zu halten. So fahren wir gemütlich immer weiter gen Norden, nur unterbrochen von den regelmäßigen Pausen. In Engan bei Sommerset nehmen wir uns schließlich eine Hütte ( 400 Norwegische Kronen ). Sie ist eingerahmt von zum Teil noch schneebedeckten Bergen und mit einem schönen See direkt vor der Terrasse.


Übernachtung Nähe Sommerset
Übernachtung Nähe Sommerset

Ein Blick auf den Tageskilometerzähler zeigt uns die Rekordmarke von 563 gefahrenen Kilometern. So viel sollen es in Zukunft nicht mehr werden. Morgen wollen wir unser Ziel erreichen, die Lofoten. Alle drei freuen wir uns schon darauf. Wir wissen zwar nicht genau, wann die Fähre fährt, sind aber guter Dinge, dass alles klappt. Zum Abschluss des Tages genießen wir noch den Blick von unserer Terrasse: den hat man schließlich nicht alle Tage.

 Tag 5 

Auch wenn die Wettervorhersage richtig gut war, so geht am Morgen doch der erste Blick aus dem Fenster: Blauer Himmel, und die Sonne gibt auch schon ihr bestes. Super! Nach dem Frühstück werden die Sachen gepackt und die Motorräder beladen. Langsam bekomme ich Routine darin :-)

Wir fahren zunächst weiter auf der [E6]. Kurz nachdem wir losgefahren sind, durchqueren wir einen 4,5 Kilometer langen Tunnel. Eiskalt ist es darin, und es dauert eine Weile, bis wir uns danach wieder aufgewärmt haben. In Ulsvag biegen wir links ab Richtung Skutvik. Gegen 10:00 Uhr erreichen wir den Hafen, und wir scheinen Glück zu haben: Das Fährschiff legt gerade an.


Am Schiffsanleger in Skutvik
Am Schiffsanleger in Skutvik

Schnell kommt jedoch die Ernüchterung, denn die Schiffscrew rüstet zur Pause, und lässt uns noch nicht auf das Boot. Wir erfahren, dass erst um 12:10 Uhr Abfahrt ist. Das erklärt auch, wieso außer uns noch niemand zu sehen ist, der hinüber zu den Lofoten will. Wir holen uns aus dem nahe gelegenen Supermarkt ein Eis, und setzen uns in die Sonne, bis wir endlich auf das Schiff dürfen. Es gilt noch der Winterfahrplan, und wir bezahlen zusammen 390 Norwegische Kronen. Auf dem Boot finden wir eine Bank, die windgeschützt liegt. Hier genießen wir die überfahrt. Ein älteres Ehepaar fällt uns auf. Der Mann liegt meist an Deck in einem Liegestuhl, die Frau dagegen läuft pausenlos mit einer Videokamera durch die Gegend und filmt beinahe ununterbrochen. Selbst vor Absperrungen macht sie nicht halt, und sitzt fast schon dem Kapitän auf dem Schoß, bis die Mannschaft sie schließlich zurückweist. Zwischendurch erzählt sie uns, quasi im Vorbeilaufen, dass sie und ihr Mann vor einigen Jahren schon einmal auf den Lofoten waren, und sie nun noch einmal alles ansehen möchten.


Überfahrt auf die Lofoten
Überfahrt auf die Lofoten

Überfahrt auf die Lofoten
Überfahrt auf die Lofoten

Nach 2 ¼ Stunden erreichen wir Svolvaer. Wir fahren vom Schiff und werden sofort von einem äußerst starken Wind erfasst. Bedeutet "Lofoten" eigentlich "windige Inseln"? Zumindest kommt es mir so vor, mehrmals werde ich fast von der Strasse geweht. Wir fahren die Hauptstrasse [E10] Richtung Süden. Die Lofoten sind eine Inselgruppe, bei der die größten von ihnen durch Brücken miteinander verbunden sind. Die kleineren dagegen erreicht man nur mit dem Boot


Brücke auf den Lofoten
Brücke auf den Lofoten

Rechts und links der Strassen sind oft Fische auf Holzgestellen zum trocknen aufgehängt: Stockfisch. Die Köpfe werden nach Nigeria exportiert, dort wird Fischsuppe daraus gemacht. Der Körper dagegen geht hauptsächlich nach Italien und teilweise auch nach Frankreich und in die Niederlanden, wo sie als Delikatessen gelten.


Holzgestelle zum trocknen von Stockfisch
Holzgestelle zum trocknen von Stockfisch

Zwischendurch machen wir immer wieder mal einen Abstecher an die Küste. Dort gibt es zum Teil wunderschöne Strände: Mit weißem Sandstrand und smaragdgrünem Wasser würden sie zum baden einladen, wenn dass Wasser nicht noch so kalt und es nicht so windig wäre. Der starke Wind nimmt uns auch den Spaß am Motorradfahren, und wir beginnen, eine Unterkunft zu suchen. Hier ist es allerdings richtig teuer. Zwei Hütten lehnen wir aus Kostengründen ab, bis wir schließlich in Sörvagen mitten in der Stadt ein Schild sehen. "Overnatting" steht da, und wir halten an. Ein älterer Herr begrüßt uns auf Norwegisch, und bedeutet uns, zu warten. Kurz darauf erscheint eine Frau, die uns auf Englisch anspricht. Ja, sie hat eine Hütte, 400 Kronen kostet sie, und wir sollen sie uns ruhig einmal ansehen. Wir folgen ihr hinter ihr Wohnhaus, und dort steht ein großes Gartenhäuschen. Zwei Schlafräume, Küche mit Esstisch, großes Wohnzimmer, Dusche, alles ist da. Lange überlegen brauchen wir nicht, und schon sind wir uns einig. Eine Bitte hat die nette Frau noch an uns: Sie reicht uns ein Gästebuch, in das wir möglichst viel hineinschreiben sollen. In den langen und dunklen Wintermonaten hat sie dadurch etwas zu tun, sie übersetzt dann nämlich die Texte, die dort bereits in Englisch, Italienisch, Deutsch und Französisch stehen. Gerne kommen wir ihrer Bitte nach, und schreiben ihr zwei Seiten voll. Später gehen Johannes und ich noch zu Fuß in den nächsten Ort: Er heißt schlicht und einfach "Å" und ist der südlichste hier auf den Lofoten.


In Å, dem südlichste Ort auf den Lofoten
In Å, dem südlichste Ort auf den Lofoten

Die Strasse endet auf einem Campingplatz, den man sowohl mit dem Wohnmobil, als auch mit dem Zelt nutzen kann. Von hier aus hat man eine wunderbare Aussicht auf das Meer. Zurück an unserer Hütte werfe ich noch einen Blick auf den Tageskilometerzähler: 277 steht da, und das ist für heute auch OK so.

 Tag 6 

Um halb sechs heißt es Aufstehen, und eine Stunde später stehen wir bereits in Moskenes am Hafen. Um sieben Uhr geht das Schiff rüber nach Bodo. Es ist heute die einzige Möglichkeit, auf das Festland zu gelangen. Noch gilt hier der Winterfahrplan. Eigentlich wollten wir hier auf den Lofoten noch einen Tag verbringen, aber auch Morgen geht nur eine Fähre, und zwar um 14:00 Uhr. Das ist uns zu spät, schließlich müssen wir uns am Abend ja auch noch eine Unterkunft suchen. Außerdem weht auch heute ein äußerst starker Wind, der dem Motorradfahren doch sehr viel Spaß nimmt. So buchen wir also unsere Tickets für insgesamt 723 Kronen bereits heute. An Bord binden wir wieder unsere Maschinen fest, dann geht es rauf an Deck.


Hafen von Moskenes
Der kleine Hafen von Moskenes

Bei blauem Himmel genießen wir die überfahrt teilweise hier oben, teilweise aber auch unten im Aufenthaltsraum. Es ist sehr windig, das Schiff wird mächtig durchgeschaukelt.

Vier Stunden dauert die Fahrt, dann laufen wir in Bodo ein. Diese Stadt wurde Ende des zweiten Weltkrieges von den zurückweichenden deutschen Truppen völlig zerstört, und musste anschließend komplett wieder neu aufgebaut werden. Als wir dort durch die Strassen rollen, spüre ich jedoch keinen Groll gegen uns deutsche. Wir entdecken einen Imbiss, und lassen uns dort die Pommes schmecken. Tages- und Nachtpreise gibt es hier, sicher ein origineller Einfall. Während wir so dastehen und essen, sind da plötzlich drei Motorradfahrer aus Norddeutschland. Es entsteht eines dieser üblichen Gespräche - woher, wohin, wie war das Wetter - und dabei stellt es sich heraus, das die drei die Küstenstrasse [17] hochgekommen sind, also genau die Strasse, die wir jetzt hinunter fahren wollen. Ihre Schilderung über Landschaften und Kurven macht uns richtig Freude auf diesen Weg.


Blick auf Bodo
Ankunft in Bodo

Nach der Verabschiedung von den dreien machen wir uns also auf den Weg Richtung Süden. Die [17] ist eine Strasse, die sich von Bodo aus in südlicher Richtung immer entlang der Küste schlängelt. Wenn es mal nicht über den Asphalt weitergehen kann, dann hilft ein Tunnel oder eine Fähre. So kommt es nicht von ungefähr, das wir heute einen neuen Tunnelrekord bekommen: Zwischen Glomfjord und Storjorda fahren wir durch 6,3 Kilometer nackten Fels. Neben diversen kleineren Tunnel benutzen wir auch zweimal die Fähre. Dabei überqueren wir bei herrlichem Sonnenschein zwischen Lektvik und Kilboghamn wieder den Polarkreis, diesmal allerdings in südlicher Richtung.


Polarkreisüberquerung auf dem Wasser
Polarkreisüberquerung auf dem Wasser

Zur Feier des Tages beschließen wir, uns hier auf der Fähre mit Dosenbier für den Abend einzudecken. Aber 25 Kronen je 0,33 l Dose erscheint uns dann doch zuviel, und wir vertrösten uns auf Abends auf dem Campingplatz.

Diese [17] ist schon Klasse. Wir genießen gaaaanz viel Schräglage, und das, ohne die erlaubte Höchstgeschwindigkeit überhaupt überschreiten zu können. Jede Menge superschöne Ausblicke gibt es hier, am liebsten würde ich stundenlang eine Filmkamera mitlaufen lassen. Gegen Abend nehmen wir uns in Tonnes (Nähe Kilboghamn) eine einfache Hütte. 400 Kronen legen wir dafür auf den Tisch des Hauses. Auch hier sind wir mal wieder die einzigen Gäste. Insgesamt sind wir heute 221 Kilometer gefahren, nicht schlecht, wenn man bedenkt, das wir rund 5 ¼ Stunden auf den verschiedenen Fähren verbracht haben.


Übernachten am Fjord
Übernachten am Fjord

Ach ja, das Bier: Hier auf dem Campingplatz wollen sie 50 Kronen pro Dose haben. So gibt es abends dann nur Mineralwasser ;-)

 Tag 7 

Es ist schon toll: Du stehst morgens auf, und der Himmel ist blau. Die Sonne leuchtet, und die Temperaturen sind bereits so, dass Du im T-Shirt auf der Terrasse frühstücken kannst. Genau so war es heute mal wieder. Da macht sogar die allmorgendliche Prozedur des Sachenpackens Spaß.




Heute geht es zunächst auf der [17] weiter Richtung Süden. Am Vormittag das schon von gestern gewohnte Bild: Tolle Kurven und wunderschöne Ausblicke, immer wieder unterbrochen von Tunnel oder Fähren. Das einzige, was stört, sind die norwegischen Autofahrer: Im Gegensatz zu uns halten sie sich nicht an die Geschwindigkeitsbegrenzungen. Und da es hier schwer ist, zu überholen, ziehen wir immer wieder eine lange Kette von Autos hinter uns her. Zwischendurch halten wir daher immer wieder mal an, um sie vorbei zu lassen.

Gegen Mittag tanken wir. Dort macht Markus uns auf ein Fahrschul-Motorrad aufmerksam. Der Fahrlehrer sitzt hinten auf dem Sozius, und die Haltegriffe dienen ihm als Gas und Bremse. Ganz schön mutig, diese norwegischen Fahrlehrer.

Von gelegentlichen Pausen unterbrochen, fahren wir immer weiter Richtung Süden. Vier Fähren benutzen wir heute insgesamt, so langsam aber sicher geht das ganz schön ins Geld. Immerhin bekommen wir auf einem der Schiffe "Pölser", diese roten Bockwürstchen. Echt lecker, finden zumindest wir drei.

Auf der Fähre
Auf der Fähre

Es ist sehr warm heute. Beim warten auf eine der Fähren stellen wir uns und unsere Maschinen in den Schatten eines LKW`s. Dabei beobachten wir einen Spatz. Er pickt sich die toten Insekten vom Kühlergrill des Lastwagens. Für ihn muss das so etwas wie das Schlaraffenland sein.

Der Verlauf der [17] ändert sich, je weiter wir nach Süden kommen. Oft führt sie von der Küste weg ins Landesinnere hinein, dort sind meist auch nur 60 Km/h erlaubt. Am späten Nachmittag, nach 265 gefahrenen Kilometern, nehmen wir uns in der Nähe von Svaberget, südlich von Holm, eine Hütte für 450 Kronen.


Unsere Hütte in Svaberget, südlich von Holm
Unsere Hütte in Svaberget, südlich von Holm

An einem kleinen See gelegen sind dort jede Menge Blockhäuser, und auch einzelne Wohnmobile stehen dort. Erst aus dem Gästebuch erfahren wir, dass wir in einer Art Anglerparadies gelandet sind. Es quillt fast über von den begeisterten Beschreibungen bezüglich der gefangenen Fischmengen und -größen. Wir gehen noch etwas spazieren, und entdecken einen kleinen Wasserfall. Schön anzuschauen ist er ja, und sein Rauschen verfolgt uns noch fast bis zu unserer Hütte.

Wasserfall

Wir beschließen, Morgen die [17] zu verlassen und über die [E6] auf direkten Weg nach Süden zu fahren. Südnorwegen lockt mit seinen Fjorden, und die [17] führt hier sowieso kaum noch an der Küste entlang.

 Tag 8 

Fast erschrocken blicke ich zum Himmel. Da sind ja einige Wolken. Zum Glück lösen sie sich im Laufe des Vormittags auf, und wir haben wieder Sonne satt.

Wir verlassen unser Blockhaus, und fahren weiter gen Süden. Die [17] scheint sich jetzt ganz von der Küste verabschiedet zu haben. Durch Wiesen und Felder fahren wir, nur hin und wieder ist mal ein See zu sehen. Dafür wimmelt es heute nur so von Motorradfahrern. Eigentlich könnte ich meine linke Hand zum Gruß gleich oben lassen. Schließlich dämmert es uns: Heute ist Samstag, und das tolle Wetter lockt natürlich auch viele Norweger zum fahren aus dem Haus.


Pause am Fluss
Pause am Fluss

In Höylandet verlassen wir schließlich die [17] und fahren Richtung Grong. Hier gibt es auffällig viele Schafe, die rechts und links der strasse frei herumlaufen. Wir passen unsere Geschwindigkeit an, schließlich wollen wir nicht, dass unsere Reise hier ein abruptes Ende nimmt.

Apropos Geschwindigkeit: Seit den Lofoten hat Markus ein Problem mit seinem Motorrad: Morgens will es nicht anspringen, und bei jedem Halt muss er kämpfen, das es ihm nicht ausgeht. Außerdem verliert es öl. Kurz hatte Markus gestern überlegt, hier alles abzubrechen, und nach Hause zu fahren. Johannes und ich konnten ihn aber dazu überreden, noch einmal eine Nacht darüber zu schlafen. Heute sieht die Welt dann schon wieder anders aus. Wir beschließen, maximal 80 km/h zu fahren (was uns hier in Norwegen ja nicht schwer fällt). Da aus dem Auspuff von Markus' Maschine auch ein ziemlicher Gestank kommt, fährt er ab sofort hinten, und Johannes und ich wechseln uns mit dem Vorfahren ab. Obwohl sich der Zustand des Motorrads nicht bessert, hält Markus tapfer bis zum Schluss durch. Bei jedem Tankstop gießt er auch etwas Öl nach, und kommt so schließlich gut zu Hause an.


Schatten gesucht
Schatten gesucht

In Grong treffen wir wieder auf die [E6]. Wir biegen ab Richtung Trondheim. Richtig gut ausgebaut ist die Strasse hier. Mittlerweile ist es so heiß, dass wir bei jedem Halt ordentlich schwitzen. Und der Verkehr nimmt stark zu. Wir sind das gar nicht mehr gewohnt nach der Einsamkeit im Norden. Die Idee, einen Abstecher nach Trondheim zu machen, verwerfen wir sofort wieder. Keiner von uns hat Lust auf Großstadt, und so fahren wir zügig auf der [E6] weiter Richtung Süden.

In Oppdal biegen wir schließlich ab auf die [70]. Es ist schon spät, und wir müssen uns noch eine Hütte suchen. Nachdem wir zwei weniger schöne Exemplare ausgeschlagen haben, nimmt sich Johannes der Sache an. In Eigenregie bucht er etwas, was sicher vor 50 Jahren mal ganz nett war. Als Markus und ich eintreffen, beschließen wir spontan, dass er ab sofort keine Hütte mehr aussuchen darf :o) 350 Kronen kostet uns der "Spaß", inklusive der Befürchtung, dass uns jeden Augenblick das Dach auf dem Kopf fällt. Aber nach den (Hitze-)Strapazen des Tages und 432 gefahrenen Kilometern schlafe ich dann doch schnell ein.




 Tag 9 

Ach, wären wir gestern doch nur noch eine viertel Stunde weitergefahren. Im Fünf-Minuten-Takt taucht jetzt hier auf der [70] ein schöner Campingplatz nach dem anderen auf. Aber ich habe keine Zeit, mich zu ärgern: Straßenschilder zeigen ein Gefälle von 9 % an, und dieses bergab zieht sich immerhin fünf Kilometer lang hin. Viele Kurven sind dabei, und somit beansprucht die Strasse unsere volle Konzentration.

Das Wetter ist weiterhin Klasse. Unglaublich, aber wahr: Wir sind jetzt schon eine Woche lang hier oben, und haben noch keinen Tropfen Regen abbekommen. Besonders Markus ist hin und weg: Vor drei Jahren war er schon einmal hier, und da hat es oft geregnet. Jetzt freut er sich auf die Trollstiegen bei Sonnenschein, und schwärmt uns so viel davon vor, das Hannes und ich schon ganz gespannt darauf sind.

Verkehrsschild 'Troll'
Warnung vor Trolle

Wir wechseln auf die [63]. Hier fahren wir noch zweimal mit der Fähre. Auf dem Schiff von Linge nach Eidsal machen wir dabei Bekanntschaft mit dem "100-Kronen-Trick". Und der funktioniert folgendermaßen: Der Kassierer tippt dreimal die "eins" in seine Kasse, wir müssen also 111 Kronen bezahlen. Die Quittung legt er dann dem Kunden, in unserem Fall Johannes, mit dem Ausdruck nach unten in die Hand, und sagt laut und deutlich "211 Kronen". Zum Glück hat Hannes gesehen, wie der Typ dreimal die "Eins" in seinen Kasten eingetippt hat. Er dreht den Beleg um, so dass jetzt die 111 zu lesen ist. Dann beginnt er, dem kleinem Gauner ganz langsam und mit sehr viel Kleingeld 111 Norwegische Kronen in die Hand zu zählen. Der Kassierer zuckt nicht mit einer Wimper, glaubt aber, uns noch einmal ärgern zu können: Bei der Ankunft lässt er erst alle anderen Fahrzeuge von Bord, und ganz zum Schluss dann uns. Eigentlich ist es umgekehrt, die Motorräder dürfen zuerst fahren. Aber nicht mit mir, mein Junge. Als er uns endlich das Zeichen zur Abfahrt gibt, rolle ich langsam auf ihn zu. Kurz bevor ich ihn erreiche, lasse ich den Motor aufheulen, die Maschine macht einen Satz nach vorn, und ich rausche ihm fast über die Füße. Ich sehe seine erschrockenen Augen, zeige ihm mit links noch schnell den langen Finger, und weg sind wir.

Wir fahren durch ein grünes Tal, die Berge rechts und links kommen immer näher. In der Ferne erkenne ich einen Wasserfall. Johannes hält an, will ein Foto machen, aber Markus fährt weiter, ist jetzt gar nicht mehr zu bremsen. Kurze Zeit später stehen wir auf einem Parkplatz, am Fuß des Wasserfalls. Das Wasser, das den Berg hinabstürzt, rauscht hier mit viel Getöse als Fluss an uns vorbei. Ein Schild warnt vor Trolle, und vor uns ist ein Berg. Wir sind sozusagen in einer Sackgasse geraten, aber ich erkenne Serpentinen, die sich den Berg hinauf winden. Markus sagt nur ein Wort: Trollstiegen.


Am Fuß der Trollstiegen
Am Fuß der Trollstiegen

Fast schon ein wenig ehrfürchtig blicke ich nach oben. Endlich sind wir da. Wir fotografieren die Gegend unzählige Male. Dann schwingen wir uns einer nach dem anderen auf das Moped, und fahren die kurvige Straße nach oben. Im oberen Drittel führt der Weg über eine Brücke, dass darunter hinabrauschende Wasser verursacht eine Gischt, und hüllt uns ein. Nur einen kurzen Moment, dann sind wir durch.


Brücke am Trollstiegen
Brücke am Trollstiegen

Die Trollstiegen von oben
Die Trollstiegen von oben


Oben angelangt, laufen wir ein Stück dem Berg entlang. Von hier aus hat man eine grandiose Aussicht auf das Tal, durch das wir gerade gefahren sind. Wie Spielzeugautos winden sich die Fahrzeuge die Serpentinen hinauf oder hinunter. Ich bin schwer beeindruckt. Zwei Andenkenläden gibt es hier, und jede Menge Busse mit Touristen. Sie kommen von den nahe gelegenen Fjorden, die sie mit ihren Kreuzfahrtschiffen angefahren haben. Es ist nicht leicht, sich von diesem Anblick los zu reißen. Schließlich raffen wir uns auf, und setzen uns auf die Maschinen.

Wir fahren weiter, den Berg jetzt auf der anderen Seite wieder hinab. Hier liegt noch sehr viel Schnee. Obwohl überall Parkverbot ist, stehen am Straßenrand jede Menge Autos. Die Skifahrer starten hier ihre Touren. Die Strasse ist sehr schmal, wenn sich hier die Busse begegnen, wird es knapp. Nur langsam kommen wir hinab in tiefere Regionen, und es wird wieder grün um uns herum. Das gefällt mir auch sowieso viel besser. In Gedanken bin ich noch bei den Trollstiegen, doch dann, ganz plötzlich, bremse ich mitten auf der Strasse ab, und blicke fasziniert in das vor mir liegende Tal: Ein wie es scheint riesiger See ist dort, mit drei Schiffen, die da ankern. Markus steht neben mir, und erklärt, dass das der Geirangerfjord ist. Wir rollen mit den Motorrädern zum Rand der Strasse, und machen wieder ein Bild nach dem anderen. Einfach Klasse, diese Aussicht von hier oben.


Blick auf den Geirangerfjord
Blick auf den Geirangerfjord

Über jede Menge Kurven fahren wir hinab in das Tal, und unterbrechen die Fahrt immer wieder für Fotos. Es dauert eine ganze Weile, bis wir unten angekommen sind. Dann so etwas wie Ernüchterung. Der Ort ist winzig. Direkt am Rande des Fjords ist ein riesiger Parkplatz, auf dem im Minutentakt Busse ankommen oder ihn wieder verlassen. Einen kleiner Kiosk mit Pommes und Eis gibt es noch, sowie einen Andenkenladen. Das war's. Nach dem Anblick von oben irgendwie enttäuschend. Trotzdem kaufe ich mir im Souvenirshop eine Mütze mit der Aufschrift "Geiranger", und kurz darauf rollen wir aus dem Ort heraus weiter Richtung Süden. An einem weiteren schönen Aussichtspunkt kommen wir noch vorbei. Auch hier haben wir wieder einfach nur eine Klasse Aussicht, und wir versuchen, sie auf Fotos einzufangen. Dann fahren wir weiter.


Blick auf den Geirangerfjord
Blick auf den Geirangerfjord

Da es bergauf geht, wird es schnell wieder etwas kälter. Schnee liegt links und rechts der Strasse. Kurz nachdem wir auf die [15] Richtung Grotli abgebogen sind, kommt uns neben der Strasse eine Horde Rentiere entgegen. Wir stoppen, stellen die Motoren ab, und beobachten die Tiere, die das wenige Gras fressen, dass sie zurzeit dort finden. Sie kümmern sich überhaupt nicht um uns, um vorbeifahrende Autos genauso wenig, und wandern gemächlich vorbei.

Wir setzen unsere Fahrt fort bis Skjak. "Dönfoss-Camping" heißt der Platz, an dem wir unser Glück mit einer Hütte versuchen. Hier sieht es ziemlich edel aus, und wir vermuten, dass es finanziell wohl unser Budget sprengen wird. Aber die freundliche Frau an der Rezeption vermietet uns eine ganz tolle Hütte für 400 Kronen. Wir sind begeistert. Alles wirkt neu, es ist sauber und aufgeräumt, und als wir noch ein wenig auf dem Platz umherlaufen, finden wir auch noch ein Freibad. Leider ist noch kein Wasser eingelassen, aber im Sommer lässt es sich hier wohl aushalten. Ein Fluss, der laut rauschend direkt am Platz vorbei fließt, gibt die Geräuschkulisse für den Abend. Nach langer Zeit haben wir mal wieder einen Fernseher, und das Satellitenbild verspricht weiterhin Sonne. Unglaublich! Ein Blick auf den Tacho zeigt 346 gefahrene Kilometer. Für mich war es der bisher spektakulärste Tag. Sowohl Trollstiegen als auch der Geirangerfjord haben mächtig Eindruck bei mir hinterlassen. Ich kann mir gut vorstellen, noch einmal hierher zurück zu kommen. Leider gibt es hier auf dem Campingplatz kein Bier zu kaufen, und so lassen wir den Tag wenigstens mit einem Eis ausklingen.


Hütte auf dem 'Dönfoss-Campingplatz'
Hütte auf dem "Dönfoss-Campingplatz"

 Tag 10 

Als ich an diesem Morgen die Augen öffnete, überlegte ich kurz, wie es wohl wäre, heute den Tag hier zu verbringen. Einen Tag kein Motorrad zu fahren, die Füße im Fluss zu kühlen, im nahe gelegenen Ort essen zu gehen, kurz gesagt, die Seele baumeln zu lassen. Dann sehe ich, dass Markus bereits dabei ist, seine Tasche zu packen. Das Teewasser ist auch schon aufgesetzt, und selbst Johannes rollt schon seinen Schlafsack zusammen. So füge ich mich also meinem Schicksal...

Wir fahren die [15] weiter bis Lom. Dort steht eine kleine Stabskirche. Im 13. Jahrhundert wurde sie das erste Mal erwähnt, sie soll allerdings noch einiges älter sein. Gegen 9:30 Uhr sind wir dort. Optisch schön anzuschauen, offenbart sie aus der Nähe jedoch den Einfluss der modernen Zeit: Blitzableiter sind ebenso wie eine ganz normale Dachrinne angebracht, beides durch eine Holzverkleidung mehr oder weniger geschickt getarnt. Außerdem ist sie mit einem frischen Terranstrich überzogen. Wir umrunden die Kirche, die von einem Friedhof eingerahmt ist, und machen wieder viele Bilder.


Stabkirche in Lom
Stabskirche in Lom

Ab 10:00 Uhr kann sie auch von innen besichtigt werden. Die Zeit bis dahin nutzen wir, um uns in einem nahe gelegenen Souvenirgeschäft ein wenig umzusehen. Dort gibt es auch Postkarten, die das innere der Kirche zeigten. Wir beschließen daraufhin, auf eine Besichtigung zu verzichten, und weiter zu fahren. Als wir vom Parkplatz aus starten, kommt gerade ein Bus mit Japanern an. So, wie man es sich immer vorstellt, mit lautem Geplapper und zum Teil gleich mehreren Kameras um den Hals, stürmen sie Richtung Kirche. Da haben wir ja noch mal Glück gehabt.

Wir verlassen die [15] und fahren stattdessen auf der [55] weiter Richtung Hella. Es geht wieder bergauf. Zwischen Galdesand und Skjolden liegt noch meterhoch Schnee. Außerdem sehen wir Lemminge. Diese den Hamstern ähnlichen Tiere sind entgegen der landläufigen Meinung überhaupt nicht lebensmüde, sondern flüchten, sobald wir uns ihnen nähern. Keines können wir auf ein Foto festhalten. Dafür machen wir jede Menge Bilder von dem hohen Schnee. Links und rechts der Strasse stehen lange Holzstäbe. So weiß der Fahrer der Schneefräse im Frühjahr, das er hier zwischen diesen Stäben den Asphalt findet, und räumt den Schnee beiseite. Ganz schön clever, diese Norweger, die haben sich schon etwas einfallen lassen.


Schnee neben der Straße
Auch im Juni noch jede Menge Schnee

Das hier soll heute nicht der einzige Schnee bleiben, den wir sehen. Wir machen einen Abstecher nach Jostedal, und sehen uns dort den flächenmäßig größten Gletscher auf dem europäischen Festland an. Dort hin gelangt man nur über eine Mautstrasse, die so unkompliziert ist wie das meiste hier in Norwegen: Wir halten an einer Schranke. Dort steht ein kleines Häuschen, an dem die Preise für die einzelnen Fahrzeuge (Auto, Wohnmobil, Motorrad, Bus) angeschlagen sind. Das Geld stecken wir in einen Umschlag, schreiben das Kennzeichen unserer Motorräder darauf und werfen ihn dann in eine Box. Den Schlagbaum öffnen und schließen wir anschleißend von Hand. Das war es schon. Wir folgen einer schmalen Strasse, und kurze Zeit später stehen wir schließlich auf einem Parkplatz. Daneben liegt ein See, an dessen Ende der Gletscher zu sehen ist.


Der Jostedal, der flächenmäßig größte Gletscher auf dem europäischen Festland
Blick auf den Gletscher Jostedal

Von hier aus muss man laufen. Gut eine Stunde soll der Fußweg dorthin betragen, so erzählt uns ein freundliches Ehepaar, das gerade von der Wanderung zurückkommt. In der Hauptsaison fährt auch eine Fähre über den See, aber zu dieser Zeit lohnt sich das wohl nicht. Wir beschließen, auf das Wandern zu verzichten, und machen hier vom Parkplatz aus die obligatorischen Fotos. Den Mautweg zurück durch die Schranke (anschließend wieder schön schließen!), gelangen wir am Ende der Strasse wieder zu einem dieser "Informationshäuser". Hier gibt es eine Ausstellung über den Gletscher, man kann Andenken kaufen, und ein Cafe finden wir hier auch. Wir beschließen allerdings, uns hier nicht lange aufzuhalten, sondern weiter zu fahren.


Warten auf die Fähre in Hella
Warten auf die Fähre

Auf der [55] geht es weiter bis Hella, dort nehmen wir die Fähre nach Vangsnes. Die überfahrt dauert lediglich 15 Minuten, genauso lange allerdings benötigt der Kapitän für das Anlegemanöver. Übt der noch? Oder was ist da los? Wir sind froh, endlich wieder festen Boden unter den Rädern zu haben und fahren auf der [13] Richtung Voss.




Es wird Zeit, dass wir uns nach einer Hütte für die Nacht umsehen. Nachdem wir auf die erste dankend verzichtet haben, landen wir schließlich nach 288 gefahrenen Km auf dem Campingplatz Djuvik. Die übernachtung kostet 400 Kronen, ein herrlicher Blick auf den Fjord ist inklusive, und so sitzen wir bei angenehmen Temperaturen am Abend noch lange auf der Terrasse. Von Gegenüber kommen drei ältere deutsche Herren kurz bei uns vorbei. Früher sind sie auch Motorrad gefahren. Mit zunehmendem Alter fiel ihnen jedoch das Aufsteigen schwer. So haben sie kurzerhand die Mopeds gegen Roller eingetauscht, und sind jetzt damit unterwegs. Echt cool, die Jungs...

 Tag 11 

Der Morgen beginnt so schön, wie der Abend gestern aufgehört hat. Wir frühstücken mal wieder auf der Terrasse. Dabei überlegen wir, so weiter zu fahren, dass wir bereits am Donnerstagabend in Göteborg sind. Dort wollen wir uns ein Hotelzimmer nehmen, und uns am Freitag mal die Stadt ansehen. Und so sind wir eine knappe Stunde später wieder auf der [13] "on the road" Richtung Bruravik. Zunächst geht es steil bergauf, und es dauert keine halbe Stunde, bis wir wieder von Schnee umgeben sind. Jede Menge Autos stehen auch hier am Rande der Straße, deren Besitzer mit Skier unterwegs sind.



Jede Menge Schnee

Wiederum nur eine halbe Stunde später haben wir die weiße Pracht hinter uns gelassen, und fahren durch ein grünes Tal mit einem riesigen See. Immer wieder überrascht mich der schnelle Wechsel der Landschaften hier in Norwegen. Wir nehmen die Fähre nach Brimnes, und wechseln auf die [7], der wir bis Geilo folgen. Diese Strasse führt durch den nördlichen Teil des Hardangervidda, einem riesigen Naturschutzgebiet. Rechts und links der Strasse liegt zum Teil noch Schnee, der Himmel ist bedeckt, es ist ein wenig diesig. Auf dem See, den wir entlangfahren, schwimmt noch die eine oder andere Eisscholle, ein überbleibsel aus dem Winter. Die ganze Szene hier erinnert so ein bisschen an die Kulisse eines Katastophenfilms. Ich bin froh, als wir die Wolken hinter uns lassen, und der Himmel wieder blau ist. In Geilo verlassen wir die [7], und biegen ab auf die [40] Richtung Kongsberg. Zwischendurch legen wir einen Tankstopp ein. Dabei fällt mir zum wiederholten Male auf, das die Norweger nicht nur wegen dem Benzin hier her kommen. Viele halten auch an, und füllen nur ihren Kaffeepot auf. Die Norweger stehen ja in dem Ruf, leidenschaftliche Kaffeetrinker zu sein. An den Tankstellen gibt es Kaffeeautomaten, die Leute gehen mit ihren Kaffeepot in der Hand zum Automaten, und ziehen sich ihr Lieblingsgetränk. Dann fahren sie weiter. Na ja, andere Länder, andere Sitten.


Landschaft mit Hütte
Aussicht am Wegesrand

Sehr schnell finden wir heute eine Hütte zum übernachten. In der Nähe von Rödberg, bei Uvdal, stehen einige Holzhäuser auf der Wiese, ganz in der Nähe ist ein kleiner See. Zu sehen ist niemand, aber an den Eingangstüren hängen Zettel mit den Preisen. 250 Kronen soll das Häuschen für eine Nacht kosten, und ein Blick in das innere der Hütte zeigt, dass sie es absolut wert ist. Wir packen unsere Sachen aus, kochen Essen und lassen den Tag mit einem kleinen Spaziergang am See ausklingen. Später kommt noch eine ältere Frau, und kassiert das Geld. Sie spricht zwar weder Deutsch noch Englisch, aber das reiben von Daumen und Zeigefinger ist anscheinend wirklich international. Sogar eine Quittung bekommen wir. Es ist alles wieder einmal genial einfach hier in Norwegen! 282 Km sind wir heute gefahren, nicht viel, aber wir haben ja auch ausgiebige Pausen gemacht. Schließlich sind wir im Urlaub.

 Tag 12 

Der Himmel an diesen Morgen ist bedeckt, und irgendwie passt das auch zu unserer Stimmung: Heute sind wir den letzten Tag hier in Norwegen unterwegs, am Nachmittag werden wir bereits wieder in Schweden sein. Nach dem Frühstück beladen wir unsere Motorräder und fahren dann auf der [40] weiter in Richtung Kongsberg. Und genauso schnell, wie sich die Wolken auflösen und wir wieder mit einem blauen Himmel verwöhnt werden, verfliegt auch unsere trübe Stimmung. Wir genießen die Fahrt auf der teilweise recht kurvigen Strasse. Als wir durch einen Kreisverkehr fahren, meine ich, dass Klingeln meines Handys aus der Jackentasche zu hören. Und richtig: Mein Bruder ruft an und teilt uns mit, dass er im Internet nachgesehen hat und wir auch für den Rest der Tour super Wetter haben werden. Wenn das keine gute Nachricht ist.


Blick auf den Fjord
Am Fjord

Gegen Mittag, beim obligatorischen Stopp an der Tankstelle, entdecken wir auf der anderen Straßenseite eine "Spiserie". Das trifft sich gut, Hunger haben wir alle, und so betreten wir kurz darauf das Lokal. Es entpuppt sich als ganz normale Pommesbude. Wir nutzen das schöne Wetter, und genießen unser Menü im freien. Dann geht es weiter Richtung Süden. Ziel ist die Stadt Horten, von wo aus wir die Fähre über den Oslofjord nach Moss nehmen wollen. Und wir haben mal wieder Glück. Als wir am Hafen ankommen, werden gerade die Fahrzeuge auf das Schiff gelotst. 45 Kronen pro Person kostet die überfahrt, knapp eine Stunde dauert sie, und ich nutze die Zeit für ein kleines Nickerchen.


Auf der Fähre über den Oslofjord
Auf der Fähre über den Oslofjord

In Moss gelangen wir sehr schnell auf die gute, alte [E6], die hier sogar als Autobahn ausgebaut ist. Wenn ich da an die schmale Strasse in Nordnorwegen denke... Den Grenzübergang nehmen wir gar nicht richtig wahr. Er ist in einer endlos langen Baustelle versteckt. Soll die Strasse etwa noch breiter gemacht werden? Hier in Schweden grüßen sich die Motorradfahrer sogar auf der Autobahn. Bei dem einen oder anderen befürchte ich dabei, er könnte mit seiner Maschine umfallen, so heftig wird gewunken.

Plötzlich ist da ein Schild, auf dem neben dem Zeichen für einen Campingplatz auch das für eine Hütte abgebildet ist. Kurz entschlossen verlassen wir die Autobahn, und fahren dem Schild nach. Doch bevor wir auf dem Campingplatz ankommen, entdecke ich den Hinweis auf eine private Hütte. Sofort folgen wir dem Schild. In einem kleinen Wohngebiet, bestehend aus Einfamilienhäuser, halten wir schließlich an. Wir sind in Hällestrand in der Nähe von Strömstadt gelandet.


Schild Stuga
Richtung Stuga ;-)

Wir brauchen nicht lange warten, da kommt auch schon ein Mann aus dem Haus, und fragt: "Stuga?". Ich weiß ja mittlerweile, dass dies das schwedische Wort für Hütte ist, und nicke. Dann folge ich ihm durch den Garten, und stehe kurz darauf vor einem richtig tollen kleinen Häuschen. Innen ist alles da, was man so braucht, und draußen hat es eine riesige Terrasse. Ich bin begeistert, nur leider nicht über den Preis. 600 Kronen möchte der gute Mann haben, zu viel für meinen Geschmack. Schließlich bekommen wir die Stuga für 500 Kronen, damit können wir leben. Auch meine Reisepartner sind zufrieden. Während die beiden im nahe gelegenen Supermarkt einkaufen, nutze ich die Zeit für eine Dusche, und räume meine Sachen ein. Der Abend klingt dann bei strahlendem Sonnenschein auf der Terrasse aus mit einer hunderter (!) Packung Köttbullar, sowie einem Sixpack Tuborg. Das Leben kann so schön sein... Anschließend machen wir noch einen kleinen Verdauungsspaziergang durch den Wohnort hin zum Meer.

Ach so, richtig, die Statistik fehlt ja noch: 258 Km sind wir heute gefahren, und haben uns somit das Tuborg ja wohl verdient!


 Tag 13 

Wie vorhergesagt (und auch innig gehofft) ist es heute wieder sonnig und warm. Das Frühstück schmeckt uns mal wieder auf der Terrasse, und bereits um zehn Uhr sind wir abfahrbereit. Dies ist heute unsere letzte Fahrt in Schweden. Gegen Mittag werden wir in Göteborg sein, und dort verbringen wir die restliche Zeit unseres Urlaubs, bis Morgen Abend gegen 19:00 Uhr die Fähre Richtung Heimat geht.

Wir machen es uns leicht, und fahren weiterhin auf der [E6]. Wir freuen uns auf Göteborg, auf ein kleines Hotel, ein wenig die Stadt ansehen, abends in nettes Lokal mit einem kühlem Bier...

In der Stadt angekommen, sieht die Welt dann allerdings ganz anders aus: Göteborg scheint eine einzige Baustelle zu sein. Trotz Navigation finden wir uns nicht zurecht. Umleitungen und Einbahnstrasse bestimmen neben Baufahrzeugen und Kränen das Bild. Besonders Markus kämpft mit seiner Maschine, geht sie ihm doch fast an jeder Ampel aus. Irgendwann lassen wir am Nachmittag genervt unsere Motorräder stehen. Markus bleibt bei den voll beladenen Maschinen, Johannes und ich machen uns zu Fuß auf die Suche nach einem Hotel. Schließlich finden wir ein Zimmer im Rico-Hotel. Zentral gelegen, nicht weit vom Schiffsanleger, bekommen wir, nicht zuletzt Dank Johannes' Verhandlungsgeschick, eine bezahlbare Unterkunft. Unsere Motorräder dürfen wir im Hinterhof parken. Schnell unter die Dusche, dann ab in die City.


Spaziergang durch Göteborg
Spaziergang durch Göteborg

Wir finden ein nettes Lokal, wo wir draußen sitzen, unser Bier und etwas Live-Musik genießen, und den Tag schön ausklingen lassen können. Ganze 205 Km sind wir heute gefahren, davon jede Menge unnötige hier in Göteborg. Was soll's. Morgen ziehen wir durch die Stadt, und abends geht es dann auf das Schiff.

 Tag 14 

Fast ist es schon zu heiß. Nach einem wirklich guten Frühstück im Rico-Hotel nehmen wir das Angebot der Rezeption dankend an, und legen unser Gepäck in einem Aufbewahrungsraum im Hotel ab. Auch unsere Motorräder dürfen im Hof stehen bleiben, und so laufen wir in Jeans und T-Shirt durch die Stadt.

Es müssen so etwas ähnliches wie Abi-Feten sein: Junge Leute haben sich Busse, Kutsche, Schiffe und alles Mögliche andere organisiert, und fahren laut singend und hupend durch die Stadt. überhaupt gibt es hier mehr junge als alte Menschen. Und unglaublich viele Kinderwagen sind zu sehen. Zumindest hier in Göteborg braucht sich Schweden wohl keine Sorgen um den Nach-wuchs zu machen.


Spaziergang durch Göteborg
Spaziergang durch Göteborg

Wir schlendern ohne ein besonderes Ziel durch die Stadt. Besonders die alten Straßenbahnen haben es mir angetan. Die Busse fahren, wenn möglich, auf den Schienen der Bahn, und entlasten somit die Strassen. Wir besuchen den Hafen, essen mittags eine Kleinigkeit, sehen uns ein riesiges Einkaufszentrum an, und schlendern dann am Nachmittag zum Hotel zurück.


Spaziergang durch Göteborg
Spaziergang durch Göteborg

Ab 17:00 Uhr können wir auf die Fähre, und pünktlich sind wir da. Dort treffen wir auch einige andere Motorradfahrer. So zum Beispiel den Schweizer, der auf dem Heimweg ist. Letztes Jahr im Sommer ist er mit seiner BMW über Finnland hochgefahren zum Nordkap. Im Dezember hat er seine Maschine bei einem Händler untergestellt, und ist nach Hause geflogen. Dieses Jahr im Februar ist er mit dem Flieger wieder zurück, hat sich sein Moped abgeholt, und ist über Norwegen wieder hinunter gefahren. Mit solchen Reiseberichten vergeht die Zeit, bis wir auf das Schiff dürfen, wie im Fluge. Motorradfahrer haben beim einchecken mal wieder Vorfahrt, und so stehen wir schon gegen 18:00 Uhr fertig geduscht und umgezogen an Deck, ein kühles Bier in der Hand, und beobachten die Schlange von Autos, die noch in der prallen Sonne stehen, und darauf wartet, auf das Schiff gelassen zu werden.


An Deck der Stena-Line
An Deck der Stena-Line

Pünktlich um 19:00 Uhr legen wir ab. Diesmal genießen wir die Ausfahrt aus dem Hafen. Unzählige kleine Inselchen säumen den Weg, teilweise stehen noch alte Befestigungsanlagen darauf. Natürlich machen wir jede Menge Bilder. Wir haben das "späte" Buffet gebucht, und um 20:30 Uhr geht es endlich los. Hungrig machen wir uns über die leckeren Dinge her, die die Schiffsküche uns bietet. Anschließend gehen wir noch an Deck, und beobachten gemeinsam mit vielen anderen einen Bilderbuch-Sonnenuntergang.


Ausfahrt aus dem Hafen von Göteborg
Ausfahrt aus dem Hafen von Göteborg

Ausfahrt aus dem Hafen von Göteborg
Ausfahrt aus dem Hafen von Göteborg

So geht er also zu Ende, unser zweiwöchige Urlaub in Schweden und Norwegen. Ein bisschen traurig bin ich schon. Es war eine schöne Zeit gewesen, nicht zuletzt deshalb, weil das Wetter optimal mitgespielt hat. Und mit Markus und Johannes habe ich zwei richtig gute Reisepartner gehabt. Auch mit dem Motorrad hatte ich Glück: 13 Jahre hat meine Tenere jetzt auf dem Buckel, und nicht einmal hat sie Mucken gemacht. Was will man mehr?


 Tag 15 

Ankunft in Kiel
Ankunft in Kiel

Pünktlich um 9:00 Uhr erreichen wir Kiel. An Bord haben wir uns noch einmal das Frühstück schmecken lassen, und rollen dann von der Fähre hinab wieder auf deutschen Boden. Die erste Tankstelle nutzen wir zum volltanken, dann geht es auf die Autobahn Richtung Heimat. Der Himmel ist bewölkt, etwas ungewohnt für uns, aber solange es trocken bleibt, soll uns das egal sein.

Rund um Hamburg ist in der Gegenrichtung ein Mega-Stau. In unserer Richtung ist zum Glück alles frei. Nach mehreren Pausen und einem weiteren Tankstop in Münster erreichen wir gegen 16:00 Uhr Ahsen. Zwei Wochen Skandinavien ohne einen Tropfen Regen - Was für ein Glück.

Eine gute Stunde später setzt im Dorf der Regen ein...

 Ungefähr zwei Monate später 

Ich weiß nicht, wie oft ich mir die Bilder von der Tour mittlerweile schon angesehen habe. Gegenüber Verwandten, Freunden und Arbeitskollegen kenne ich eigentlich auch nur dieses eine Thema. Ich glaube, ich bin in dieser Hinsicht ein langweiliger Gesprächspartner.

Es wird Zeit, dass ich wieder nach vorne blicke!

Johannes, Markus und ich haben mal vorsichtig in die Zukunft geschaut. Und wollen in zwei Jahren wieder los. Wir wollen Schweden und Finnland "erfahren", am besten auch zwei Wochen lang. Eine halbe Ostseeumrundung sozusagen. Unsere Frauen haben angesichts unserer Begeisterung bereits resigniert und ihre Zustimmung signalisiert.

Und was ist mit nächstem Jahr? Nun, Markus ist zu Hause kräftig am renovieren, und hat sich für eine Tour ausgeklinkt. Johannes möchte unbedingt die deutsch-polnische Grenze abfahren, eine Strecke, die mich nicht sonderlich interessiert. Ich plane daher, alleine los zu fahren. Ich habe noch keine Ahnung, wohin es mich verschlagen wird. Vielleicht schließe ich mich ja auch doch noch einer anderen Gruppe an. Mal sehen.

Aber eins steht für mich fest: In Norwegen war ich nicht zum letzten Mal. Es hat mir viel zu gut dort gefallen, als da ich nicht wiederkommen würde. Außerdem ist dort noch so viel zu entdecken, gibt es noch so viele schöne Orte, an denen ich diesmal nicht war. So zum Beispiel Dalsnibbe, einem Aussichtspunkt am Geirangerfjord. Oder der Preikestolen am Lysefjord bei Stavanger, der als eines der Wahrzeichen von Norwegen gilt. Nicht zu vergessen die Küstenstraße zwischen Kristiansund und Ålesund, die eine der schönsten Strecken Skandinaviens sein soll.

Und ... und ... und ...

Ach ja, und dann gibt es da ja auch noch so ein Willkommens-Schild in Lappland. An dem bin ich zwar schon mal vorbei gefahren, aber das Foto davon fehlt mir noch ;-)


Norwegenflagge Schwedenflagge





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