Schottland "on the road"


Ich gebe zu, mit dem Auto zu reisen ist nicht meine Lieblingsreiseart. Viel lieber würde ich diese Tour mit dem Motorrad manchmal. Aber manchmal sind die Dinge eben so, wie sie sind.

Und so rolle ich also auf vier statt auf zwei Rädern von der Rampe der Fähre "Princess Seaways", die mich vom holländischen IJmuiden über Nacht hierher nach Newcastle gebracht hat. Und ein Vorteil, mit dem PKW unterwegs zu sein, wird mir sehr schnell bewusst, als ich mich bei sonnigen Wetter und recht hohen Temperaturen durch Newcastle mit seinen vielen Ampeln und den zählflüssigen Verkehr quäle: Dank Klimaanlage herrschen angenehm kühle Temperaturen hier im inneren meines Autos. Ganz anders, als wenn ich nun mit dicker Mopedkluft auf meiner Versys vor einer Ampel stehen würde. Später, als ich die Stadt verlassen habe und Richtung Norden fahre, denke ich auch an das nicht vorhandene Gepäckproblem, das die Fahrt mit dem Auto mit sich bringt. Anstatt jedes Ding dreimal umzudrehen und viermal zu überlegen, ob das wirklich mit muss, habe ich diesmal jede Menge Zeug dabei, von dem ich entweder hoffe, es zu brauchen (Badesachen und Sonnencreme) oder hoffe, es NICHT zu brauchen (extra dicke Pullover und Regenzeug).

Ich werde sehen, was die nächsten Tage bringen…

Erster Stopp ist der kleine Parkplatz an der „Scottish Border“, der Grenze zwischen England und Schottland. Auch wenn es kitschig klingt (und wohl tatsächlich auch ist), aber ein Stopp und ein Foto hier ist einfach ein MUSS! Wobei ich darauf verzichte, dem hier auf Touristen „lauernden“ Mann in seinem Schottenrock einige Münzen in die aufgestellte Blechdose zu legen, damit er Dudelsackmusik vom Band abspielt und mit mir vor dem Stein posiert. Sooo weit geht mein Kitschgefühl dann doch nicht.




-> An der „Scottish Border“


Von der schottischen Grenze aus geht meine Fahrt weiter bis nach Melrose. Mich interessiert das dortige Abbey, also das Kloster. Überraschenderweise bekomme ich einen kostenlosen Parkplatz am Straßenrand fast direkt vor dem Eingang. Wow, das hätte ich nicht erwartet. Auf den wenigen Metern, die ich vom Auto aus noch laufen muss, komme ich an dem Eingang zu einem kleinen Garten vorbei, „Priorwood Garden“. Der Eintritt ist frei, also werfe ich einen kurzen Blick hinein.




-> Schild „Priorwood Garden“


Teile des Gartens sollen bereits im 12. Jahrhundert von den Mönchen des Klosters Melrose angelegt worden sein. Im späten 18. Jahrhundert wurde er geschlossen, Mitte des 19. Jahrhunderts aber wieder neu kultiviert. Der „National Trust for Scotland” kümmert sich seit 1976 um diese Anlage. Wirklich groß ist der Garten nicht und auch nicht überragend schön. Aber es tut gut, nach der Autofahrt mal wieder einige Meter zu Fuß zu gehen.




-> Spaziergang durch den „Priorwood Garden“




-> Spaziergang durch den „Priorwood Garden“




-> Spaziergang durch den „Priorwood Garden“


Der “National Trust for Scotland“, kurz: NTS, ist übrigens eine private, gemeinnützige Stiftung, die sich die Bewahrung des kulturellen, historischen und des Naturerbes Schottlands zur Aufgabe gemacht. Gegründet 1931 in Glasgow kümmert er sich heute um rund 130 Liegenschaften. Darunter fallen nicht nur Burgen, Schlösser und Herrenhäuser, sondern auch Parks sowie Naturreservate und ganze Landschaftsbereiche. Und eben auch Gärten. Wie der „Priorwood Garden“.
Wer Mitglied im NTS ist, hat für einen Jahresbeitrag von aktuell 53 Pfund freien Eintritt zu allen Liegenschaften. Ob sich das für den einzelnen lohnt, muss jeder für sich selbst entscheiden. Die einzelnen Eintrittspreise der Sehenswürdigkeiten betragen aktuell bis zu 15,50 Pfund.


Melrose Abbey

Nach dem Garten wende ich mich dann dem Kloster zu. Oder besser gesagt, der Klosterruine. Ich betrete die Anlage, nachdem ich in einer Art „Kassenhäuschen“ 6 Pfund Eintritt bezahlt haben. Wobei „Kassenhäuschen“ ein wenig untertrieben ist. Auch Andenken kann man hier kaufen: Vom Kühlschrankmagneten über die Postkarte bis hin zu bilderreichen Bücher wird hier alles rund um das „Melrose Abbey“ angeboten, was das Touristenherz begehrt.

Melrose Abbey wurde ab dem Jahr 1136 von Zisterziensermönchen errichtet und war damit das erste Zisterzienserkloster in Schottland. Rund 60 Jahre dauerte es, bis die Abtei fertiggestellt war. Während dieser Zeit wuchs rund um die Anlage auch eine kleine Stadt heran.

In den folgenden Jahrhunderten wurde das Kloster dann mehrmals angegriffen, überwiegend zerstört und im Anschluss von den Mönchen wieder neu aufgebaut: In den Jahren 1322, 1385 und schließlich 1544 wüteten die englische Truppen sowohl im Kloster als auch im Ort Melrose. 1544 wurde die Anlage dabei so schwer beschädigt, dass sie nie wieder vollständig restauriert wurde. Der letzte Abt, der hier lebte, verstarb im Jahr 1559.




-> Die Ruine von Melrose Abbey




-> Die Ruine von Melrose Abbey




-> Die Ruine von Melrose Abbey




-> Die Ruine von Melrose Abbey


Ganz vergessen wurde Melrose Abbey aber nie. Immerhin wurden hier einige schottische Könige und Adelige beerdigt. Und die Legende sagt, das auch das einbalsamierte Herz von „Robert the Bruce“ hier auf dem Klostergelände begraben worden sein soll. Der war von 1306 bis zu seinem Tode 1329 der König von Schottland, führte sein Land in die Schottischen Unabhängigkeitskriege gegen England und gilt als einer der bedeutendsten Herrscher Schottlands.

Ab dem Jahre 1610 wurde ein intakter Teil des Klosters als Pfarrkirche für den Ort Melrose genutzt. Und dass immerhin 200 Jahre lang. So lange dauerte es nämlich, bis mitten im Zentrum des Ortes eine neue Kirche gebaut wurde.

Mehr als eine Stunde lang laufe ich durch die Anlage, gehen Treppen hinauf auf Aussichtsplattformen und schlängle mich an diversen Grabsteinen vorbei. Aber so sehr ich auch suche: Das Herz von „Robert the Bruce“ finde ich nicht ;-)

Stattdessen entdecke ich einige Informationstafeln, die etwas über das Kloster und der Leben der Mönche berichten. Zum Beispiel diese hier:




-> Infotafel
(ein Klick auf das Bild öffnet es in groß in einem neuen Fenster)



Interessant war es hier. Ich habe viel gesehen und auch gelernt. Nun ist es Zeit für eine Pause. Ein Cappuccino oder ein Eis wäre jetzt genau das richtige. Daher verlasse ich Melrose Abbey (wieder durch das „Kassenhäuschen“) und schlendere durch den Ort. Sehr touristisch ist es hier. Die Stadt ist mit vielen Cafés, Restaurants und kleinen Geschäften, die zum Bummeln einladen, offensichtlich sehr gut eingestellt auf die vielen Besucher, die tagtäglich hier erscheinen. So ist es für mich auch kein Problem, ein Eis zu bekommen.

Und eine echte Lebensweisheit erhalte ich noch gratis dazu:




-> "Lebensweisheit" vor einer Bäckerei in Melrose


Leib und Seele sind also gut gestärkt, als ich in das Auto steige und weiter Richtung Norden steuere. Ich fahre zwischen Edinburgh und Glasgow hindurch, wo ich wegen Stau und zähfließenden Verkehr teilweise nur recht langsam vorankommen. Mein heutiges Ziel ist Sterling. Die Stadt, gelegen am Fluss „Forth“, gilt bei vielen als eine der Hauptattraktionen Schottlands. Hier befindet sich eine Vielzahl an historischen Gebäuden, die gerne von Touristen besucht werden. Auch ich will mir einen Ort der Geschichte ansehen, nämlich das „Stirling Castle“. In der wechselhaften Geschichte Schottlands, insbesondere im Kampf der Schotten gegen die Engländer, spielte das Schloss aufgrund seiner strategischen Lage eine wichtige Rolle. Fast immer wurde die Burg von dem, der sie gerade nicht besaß, belagert.

Heute allerdings findet so eine Belagerung nur noch durch die Touristen statt. Der Parkplatz von „Stirling Castle“ ist sehr voll mit Autos, Bussen, Wohnmobilen und Motorräder aus ganz Europa. An der Kasse zum Schloss merke ich, dass ich in Melrose zu viel Zeit gelassen habe: Ich bin spät dran, das Schloss schließt bereits in gut einer halben Stunde. Zwar könnte ich mich während dieser kurzen Zeit noch etwas umsehen, aber dafür den vollen Eintrittspreis in Höhe von 15,- Pfund bezahlen will ich dann doch nicht. So bleibt es bei einem Blick von außen, bevor ich zu meiner Unterkunft fahre, der Jugendherberge von Sterling.




-> Blick auf „Stirling Castle“


Nach dem einchecken mache ich mich zu Fuß auf in die Innenstadt von Sterling. Der Ort ist nicht groß, schafft es gerade mal unter die ersten zwanzig der einwohnerstärksten Städte Schottlands. Aber hier weht eine besonderes „Flair“: An der Universität Sterling studieren momentan ca. 9.000 Stunden aus aller Welt. Sie machen knapp ein Viertel der Einwohner aus und erwecken trotz der vielen historischen Gebäuden den Anschein einer jungen Stadt.




-> Spaziergang durch Sterling




-> Spaziergang durch Sterling




-> Spaziergang durch Sterling




-> Spaziergang durch Sterling




-> Spaziergang durch Sterling


Ich finde ein nettes Lokal, wo ich zu Abend esse. Anschließend gehe ich noch einmal in Richtung Schloss. Ganz in der Nähe von Sterling Castle befindet sich die „Church of the Holy Rude“. Diese ist nicht nur von außen recht eindrucksvoll. Sie ist neben Westminster Abbey in London auch die einzige noch aktive britische Kirche, in der eine Königskrönung stattgefunden hat. Im Jahre 1567 wurde hier Jacob VI. zum König von Schottland gekrönt. Er war der Sohn von Maria Stuart, jener Frau, die zwanzig Jahre nach der Krönung auf Befehl von Elisabeth I. von England enthauptet wurde.

Leider hat die Kirche bereits geschlossen und ich kann sie mir nur von außen ansehen. Aber auch das ist interessant, zumal sie inmitten eines großen Friedhofes liegt. Uralte Grabsteine stehen hier direkt neben solchen, die erst vor wenigen Jahren aufgestellt wurden.




-> Die „Church of the Holy Rude“




-> Die „Church of the Holy Rude“




-> Friedhof an der „Church of the Holy Rude“


Gerade, als ich zurück zu meiner Unterkunft gehen will, beginnt ganz in der Nähe, am Rande des Friedhofs, ein Dudelsackspieler zu spielen. Ich folge den Tönen, setze mich auf eine Bank ganz in der Nähe und höre dem Spiel eine Zeitlang zu. Als ich zwischendurch applaudiere, ruft er mir auf Englisch zu: „Danke, aber ich übe hier nur“. Mir gefällt das, was er spielt, trotzdem, also sitze ich noch eine ganze Weile hier, bevor ich mich gegen zehn Uhr auf den Weg zu meiner Unterkunft mache.



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