Wismar: Stipvisite an der Ostsee


Samstag

Es ist Mittag, als wir mit dem Zug in den Bahnhof von Wismar einfahren. Die Vorfreude bei mir ist groß, denn schon seit langem möchte ich die Hansestadt an der Ostsee besuchen, deren Altstadt im Jahre 2002 sogar in die UNESCO-Welterbeliste aufgenommen wurde. Und auch das Wetter spielt mit: Strahlender Sonnenschein begrüßt uns, ideale Voraussetzungen also für zwei schöne Tage an der Ostsee.


Bahnhof Wismar

-> Ankunft im kleinen Bahnhof von Wismar


Und das Glück ist weiter auf unsere Seite: Das Apartment, das wir gemietet haben, ist bereits frei und wir können es sofort beziehen. Lange halten wir uns dort aber nicht auf. Wir stellen nur kurz das Gepäck ab und schon sind wir wieder draußen und machen uns zu Fuß auf, die Altstadt mit den kleinen Gassen zu erkunden.


Tierische Begegnungen: „Die Schweinsbrücke“

Nur wenige Schritte von unserer Unterkunft entfernt, sozusagen „um die Ecke“, befindet sich die Schweinsbrücke. Nein, das ist kein Schreibfehler, die Brücke heißt tatsächlich so. Ursprünglich kommt dieser Name vermutlich aus dem Mittelalter. Über diese Brücke wurden früher die Schweine zum Marktplatz getrieben. Wo damals gemauerte Bogenbrücken standen, befinden sich heute nur noch vier Eckpfosten. Und auf jedem dieser vier Pfosten steht eine kleine Schweinefigur aus Bronze: Eins steht, ein weiteres sitzt, ein drittes suhlt sich auf dem Rücken und das vierte liegt auf dem Bauch.


Schweinsbrücke

-> Die "Schweinsbrücke" heiß wirklich so :o)


Schweinsbrücke

-> Schwein auf der "Schweinsbrücke"


Und da Schweine ja bekanntlich Glück bringen („Schwein gehabt“), streicheln die Passanten, die hier vorbeigehen, einmal kurz mit der Hand über die Skulptur, in der Hoffnung, dass ein bisschen von dem Glück auch auf sie übergeht. Wer ein wenig genauer hinschaut, bemerkt die blanken Stellen auf den Skulpturen, die vom darüber streichen stammen.
Die Wismarer müssen glückliche Menschen sein…


Glück und Glaube

Wer sich nicht allein auf sein Glück verlassen möchte, kann sich gleich um die Ecke auch Beistand von ganz oben erbeten: Direkt an der Schweinsbrücke erhebt sich groß, mächtig und unübersehbar die Kirche St. Nikolai. Die dreischiffige Basilika, von 1381 bis 1487 als Kirche der Seefahrer und Fischer erbaut, dient heute der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde St. Nikolai in der Propstei Wismar.


Die Kirche St. Nikolai

-> Die Kirche St. Nikolai


Und da sie schon von außen äußert imposant ist, gehen wir einfach mal hinein, um sie uns auch von innen anzusehen. Eintritt wird hier nicht verlangt, lediglich um eine Spende wird gebeten. Und dafür zücke ich doch, ehrlich gesagt, auch viel lieber das Portemonnaie.

Viel los ist hier drinnen nicht, nur wenige Menschen haben sich außer uns hier hinein „verirrt“. Gleich im Eingangsbereich empfängt uns diese Ruhe, die so charakteristisch für Kirchen ist. Ich weiß nicht, wie es Dir geht, aber die meisten Menschen flüstern, wenn sie durch die Kirchengänge gehen und sich dabei unterhalten. Bei mir ist es nicht anders, auch ich verfalle sofort in dieses leise sprechen. „Quer durch den Saal“ ruft hier niemand.

Es gibt eine Menge zu sehen. Kirchenchor und -schiff wirken sehr groß, da sie nicht voneinander abgetrennt sind. Beim schlendern durch die Kirche entdecken wir Kanzel, Taufbecken, Orgel und verschiedene Altäre. Und da wir im Reformationsjahr sind, wird noch eine besondere Installation gezeigt. „Himmlische Luftballons – Geist-Tropfen – Leuchtkörper“ heißt sie und soll die Gedanken und Inspirationen symbolisieren, die zwischen Himmel und Erde schweben. Nett gemacht, finde ich.


In der Kirche St. Nikolai

-> In der Kirche St. Nikolai


In der Kirche St. Nikolai In der Kirche St. Nikolai

-> In der Kirche St. Nikolai


In der Kirche St. Nikolai

-> In der Kirche St. Nikolai


In der Kirche St. Nikolai

-> ‚Himmlische Luftballons – Geist-Tropfen – Leuchtkörper‘: Installation in der Kirche St. Nikolai


Mit Sicherheit sehen wir nicht alles, was es hier zu entdecken gibt. Aber bereits der kleine Eindruck, den wir hier gewinnen, gefällt mir sehr. Die Kirche ist definitiv einen Besuch wert.

Wir verlassen die St. Nikolaikirche und folgen der „Grube“ in Richtung Westen. „Grube“, das hört sich nach einem dunklen, düsteren Gang an, ist aber ein regulierter Bach, der hier in Wismar quer durch die Innenstadt fließt und in die Ostsee mündet. Als er Mitte des 13. Jahrhunderts angelegt wurde, diente er zur Trink- und Brauchwasserversorgung der Wismarer Bürger. Außerdem wurde sein Wasser zum Löschen bei Bränden genutzt.


Unterwegs entlang der 'Grube'

-> Unterwegs entlang der "Grube"


Unterwegs entlang der 'Grube'

-> Unterwegs entlang der "Grube"


Mittlerweile hat die „Grube“ eine umfangreiche Rekonstruktion hinter sich und gilt als einer der ältesten künstlichen Wasserläufe Deutschlands, der durch eine Stadt führen. Es ist durchaus sehr schön, hier entlang zu gehen. Die zumeist kleinen, schmalen Häuser geben einen netten Rahmen und auch das mir kaum noch bekannte Kopfsteinpflaster hat einen gewissen Charme. Zumindest für uns als Fußgänger. Die Auto- und Fahrradfahrer sehen das sicher anders …

Kurz bevor die „Grube“ unter einer Straße hindurch in die Ostsee fließt, unterquert sie das wohl schrägste Gebäude der Stadt: Ein denkmalgeschützten Fachwerkhauses mit dem Namen „Gewölbe“. Dieses Gebäude wurde Mitte des 17. Jahrhunderts errichtet und war ursprünglich Teil der Stadtbefestigung, die Wismar damals umgab. Hier testeten die „Weinherren“ die im Hafen angelieferten Weine auf ihre Qualität. Klingt für manch einen jetzt wohl nach einem Traumjob :o) Später wurde hier zunächst Bier ausgeschenkt, anschließend dann eine Fischräucherei untergebracht. Was für die Bewohner der Stadt außerdem wichtig war: Die Grube wurde früher bei Stadtbränden genau hier am Gewölbe gestaut, so das genügend Wasser zum Löschen da war.


Das 'Gewölbe'

-> Ganz schön schräg: Das "Gewölbe"


Heute sind hier drei Ferienwohnungen eingerichtet. Leider konnte ich keinen Blick hineinwerfen. Ob von innen wohl auch alles so schief ist wie von außen? Ich glaube es eigentlich nicht. In Bezug auf die Lage allerdings bin ich eher skeptisch: Zwar liegt das Gewölbe in direkter Nähe zum Alten Hafen. Auf der Rückseite jedoch führt die vielbefahrene Straße „Am Hafen“ vorbei, was nicht nur am Tag für Straßenlärm sorgt. Aber vielleicht schluckt eine gute Isolierung ja die Geräusche.

Genau diese Straße „Am Hafen“ überqueren wir jetzt und stehen dann direkt am Meer. Hier beginnt der „Alte Hafen“ und ganz stilecht stehen hier auch einige Fischbuden. Deren Anblick sorgt sofort für ein knurren in unseren Mägen. Also kaufen wir uns kurzentschlossen je ein Fischbrötchen, das wir von der Verkäuferin gemeinsam mit einem guten Rat ausgehändigt bekommen:
“Passt auf, das die Möwen Euch das Brötchen nicht klauen“.
Ich schaue mich um und tatsächlich: Einige besonders große Exemplare von Möwen stehen in unmittelbarer Nähe und schauen mich an, als wollten sie sagen
„Gibst Du uns das freiwillig oder sollen wir es uns holen?“
Aber mein Hunger ist stärker als der Respekt vor diesen Riesenschnäbeln. Also beiße ich beherzt in das Brötchen und … mmmh, lecker!


Der „Alte Hafen“

Brötchen kauend schlendern wir weiter auf einer Art Betonpier, der wie eine Landzunge in die Ostsee ragt. Links ist das Meer, rechts stehen zweigeschossige Häuser, in denen unten die typischen Geschäfte für Touristen und darüber im Obergeschoss Ferienwohnungen untergebracht sind. Im Hintergrund erheben sich zwei riesige, alte Betonklötze: Zum einem ist das der „Thormann-Speicher“, der wegen der Sanierung der Backsteinfassade momentan eingerüstet ist. Er soll nach seiner Restaurierung als Bürogebäude genutzt werden. Zum anderen steht dort der Ohlerich-Speicher. Von hier unten sieht die Spitze aus wie ausgebrannt. Auch bei ihm steht die zukünftige Verwendung bereits fest: Hier sollen Ferienapartments entstehen.

Viel schöner ist da doch der Blick nach links auf das Wasser: Hier liegen Fahrgastschiffe, die Ausflugs- bzw. Hafenrundfahrten anbieten, außerdem der historische Nachbau einer Kogge und ein Großsegler. Dazwischen tummeln sich einige kleinere Boote.


Im 'Alten Hafen'

-> Im "Alten Hafen"


Im 'Alten Hafen'

-> Im "Alten Hafen"


Weiter geradeaus steht das Baumhaus. In diesem Gebäude aus dem 18. Jahrhundert waren früher die „Bohmschlüter“ untergebracht. Die Aufgabe dieser Männer war es, nachts oder bei Gefahr die Einfahrt zum alten Hafen zu verschließen. Dazu wurde mittels eines Schlagbaumes eine Kette vor die Hafeneinfahrt gezogen.
Einfach, aber effektiv, würde ich mal sagen.


Baumhaus im 'Alten Hafen'

-> Baumhaus im "Alten Hafen"


Schwedenkopf vor dem Baumhaus

-> Schwedenkopf vor dem Baumhaus


Wir schlendern weiter und stehen bald darauf am Ende des Betonpiers. Hier geht der Blick hinaus auf das Meer. Rechterhand befindet sich der Seehafen Wismar, der ein wichtiger Standort für den Warenverkehr nach Skandinavien, das Baltikum und Russland ist. Links, im Westhafen, steht die riesige Halle der „MV Werften“, in der Kreuzfahrtschiffe gebaut werden. Dahinter und von hier aus nicht zu sehen ist der Yachthafen, in dem Segler und Sportboote ihren Platz finden. Und geradeaus … geradeaus schaut man auf das Meer. Es stehen einige Bänke hier und auf einer davon setzen wir uns und genießen die Seeluft und die Aussicht.


Im 'Alten Hafen'

-> Im "Alten Hafen"


Im 'Alten Hafen'

-> Im "Alten Hafen"


Im 'Alten Hafen'

-> Im "Alten Hafen"


Es ist sehr entspannt, hier zu sitzen und auf das Wasser zu schauen. Nicht zum ersten Mal geht mir der Gedanke durch den Kopf, dass ich viel zu wenig Zeit am Meer verbringe. Damit meine ich nicht nur, am Hafen zu sitzen, sondern auch am Strand entlang zu spazieren oder einfach nur in den Dünen zu liegen und auf Himmel und Meer zu schauen.

Es ist mittlerweile später Nachmittag und ein wenig kühl geworden. Und außerdem melden sich unsere Mägen. So ein kleines Fischbrötchen reicht nun mal nicht für den ganzen Tag. Also verlassen wir schweren Herzens „unsere“ Bank und gehen den Pier zurück Richtung Innenstadt. Wieder queren wir die Straße „Am Hafen“, diesmal allerdings in anderer Richtung und an einer anderen Stelle und stehen dadurch vor dem „Wassertor“. Im Mittelalter war es Teil der Stadtbefestigung und eines von insgesamt fünf großen Toren der Stadt. Und auch als Filmkulisse diente es schon: Der Filmklassiker „Nosferatu“ wurde hier im Jahre 1921 gedreht.


Das 'Wassertor' Das 'Wassertor'

-> Das „Wassertor“, Filmkulisse für den Filmklassiker „Nosferatu“


Uns zieht es in das nicht weit vom Wassertor entfernte Brauhaus. Hier wollen wir zu Abend essen und den Tag gemütlich ausklingen lassen. Allerdings haben wir nichts reserviert und ergattern gerade noch den letzten Tisch. Das Essen ist soweit in Ordnung, aber das „drumherum“ gefällt uns nicht so wirklich. Es ist sehr laut und hektisch hier und die Kellner sind nicht gerade die Freundlichkeit in Person. Sehr schnell sind wir uns einig, morgen Abend woanders essen zu gehen.

Es ist bereits dunkel, als wir das Brauhaus verlassen und zu unserer Unterkunft gehen. Es war heute ein wirklich schöner Tag hier in Wismar. Auch für Morgen haben wir uns einiges vorgenommen, was wir unternehmen möchten. Die Wettervorhersagen sind zwar nicht besonders gut, aber egal wie es kommt, wir werden das Beste daraus machen.


Das Brauhaus

-> Tagesabschluss im Brauhaus





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